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ÄGYPTEN: „Wow“-Effekt der Gesten und Reden des Papstes in Kairo

Kairo – Beim Besuch von Papst Franziskus in Kairo Ende April haben die ägyptischen Medien zum ersten Mal wirkliches Interesse für die christliche Religion gezeigt. Diese Einschätzung äußerte der Combonianer-Pater Paul Anis, der in Kairo ein Studienzentrum für interreligiösen Dialog leitet und die Papstvisite aus der Nähe verfolgt hat, im Gespräch mit „Radio Vatikan“. Die TV-Direktübertragung der Papstmesse aus dem Luftwaffenstadion am 29. April habe für die Medien einen starken Effekt gehabt, sogar einen „Wow-Effekt“, sagte P. Anis. „Der menschliche und brüderliche Auftritt des Papstes hat ein Bild geprägt, das anders ist als das, was man normalerweise sieht“, so der ägyptische Ordensmann. Franziskus habe auch mit einer ungewöhnlichen Geste das übliche Schema einer interreligiösen Begegnung durchbrochen: „Der Großimam hat sich nicht erwartet, dass der Papst ihn brüderlich umarmen und ‚Bruder‘ nennen würde“ (im Bild). Für Muslime sei es normalerweise undenkbar, einen Andersgläubigen Bruder zu nennen.

Papst Franziskus besuchte am 28. April 2017 während seiner Ägypten-Reise die islamische Al-Azhar-Universität in Kairo. Der Großscheich und geistliche Leiter der Universität Ahmed al-Tayyeb wurde vom Heiligen Vater zur Begrüßung umarmt. (© KNA)

Internationale Verantwortung Ägyptens

Großes Interesse ortete P. Anis aber nicht nur an den Gesten, sondern auch an den Worten des Papstes. Was der Papst sagte, sei sehr dicht gewesen. „Sowohl Muslime als auch Christen haben wahrgenommen, dass da Aufrichtigkeit war, aber auch eine Dringlichkeit der Botschaft, die nicht nur Ägypten betrifft. Ägypten hat eine internationale Verantwortung, besonders für den Nahen Osten. Das ist sehr stark herausgekommen. Ich denke, einige sind in Sorge vor dieser Herausforderung. Der Papst hat Bewusstsein für unsere Wirklichkeit geweckt, die nicht so verschlossen sein soll, nicht so konzentriert auf die kleinen Spannungen“.

Positive Auswirkung auf al-Sisi und Al-Azhar

  1. Anis meint, dass der Papstbesuch auch die Beziehungen zwischen Präsident Abd-el-Fattah al-Sisi und der Al-Azhar-Universität positiv beeinflussen wird, die zuletzt nicht immer reibungslos waren, auch weil der Präsident sich deutlich über problematische religiöse Predigten geäußert hatte. Auf einer politischen Ebene sei „Übereinstimmung“ in den Worten von Präsident al Sisi und Großimam Ahmed al-Tayyeb herauszuhören gewesen, als diese sich vor dem Papst äußerten. P. Anis: „Was der Großimam über die Würde der Person und die Gerechtigkeit sagte, sagte er in dieser Form zum ersten Mal. Er nimmt da eine Botschaft auf, auf die sich auch der Papst bezieht, nämlich die Menschenwürde. So wurde dieser Begriff zur Brücke. Auf dieser Basis kann man weitergehen, statt einander zu widersprechen“.
  2. Es sei zu hoffen, dass die religiösen Führungspersönlichkeiten in Ägypten gemeinsam die Verantwortung der Religionen erkennen, extremistische Tendenzen zu entlarven „und das wahre Gesicht Gottes zu zeigen“. Entscheidend sei, was Papst Franziskus bei der Begegnung mit den Vertretern von Politik und Gesellschaft gesagt habe, betonte P. Anis: „Gott hat es nicht nötig, von uns Menschen beschützt zu werden; vielmehr ist er es, der die Menschen beschützt“. Diese Feststellung habe viele Muslime „sehr berührt“. Während sich bisher die Beziehung zwischen Staat und Religion auf die Frage nach dem „Schutz der islamischen Religion“ konzentriert habe, fragten sich viele Ägypter jetzt nach dem Schutz für die Christen. Viele Fragen seien aufgebrochen.

Muslime fühlen sich mit Christen vereint

Diese Einschätzung teilt auch der Jesuit und Islamwissenschaftler P. Samir Khalil Samir. „Die Muslime fühlen sich vereint mit den Christen in dieser Prüfung durch die Attentate. Viele von ihnen sind uns beigestanden und sagen heute: ihr seid unsere Brüder. Das ist auch ein Resultat dieser Reise nach Ägypten“. Für den Dialog zwischen Christen und Muslimen auf institutioneller Ebene sei es hingegen ausschlaggebend, dass der Papst sein Vertrauen in Al-Azhar und den Großimam al-Tayyeb zum Ausdruck gebracht habe, so P. Samir.

 Die Texte des Papstes müssen intensiv studiert werden

Die Ägyptenreise von Papst Franziskus wird noch lange nachwirken, davon ist auch Joachim Schroedel, Pfarrer der deutschsprachigen Markusgemeinde in Kairo, überzeugt. Im Gespräch mit „Radio Vatikan“ sagte er: „Die Texte, die uns der Heilige Vater hinterlassen hat, müssen noch intensiv studiert werden. Er hat uns mit seinen Ansprachen an den Staatspräsidenten, an den Großimam al-Tayyeb und an Patriarch Tawadros II. große Geschenke gemacht. Das waren Meilensteine, die nicht genug analysiert und gelobt werden können!“

Franziskus habe vor allem erklärt, wie er sich Dialog vorstelle – und dass dazu auch „die Aufrichtigkeit der Absichten“ gehöre: „Und wenn er dann natürlich sagt: Wir sind Weggefährten, wir müssen aufrichtig sein und ohne Hintergedanken einen Dialog führen, dann zielt das sehr genau auf das, was derzeit gerade von Al-Azhar, die ja nicht gerade die progressivste Theologie vertritt, wahrgenommen werden muss“.

Die ägyptischen Medien haben umfassend über den Papstbesuch berichtet

Vor allem habe der Papst in Ägypten durch sein eigenes bescheidenes Auftreten überzeugt. „Die Demut, wie er sich mit einem Golfwagen hat durch die Gegend fahren lassen – das sind gewaltige Zeichen für die Ägypter. Sie sehen gerade in diesem Papst einen dem Volk nahen und zugewandten Menschen – ganz anders, als ihre Präsidenten und manchmal auch ihre Religionsführer sich gebärden“.

Die ägyptischen Medien haben, so berichtete auch Pfarrer Schroedel, intensiv über die Visite aus Rom berichtet, vor allem das Fernsehen: „Sehr, sehr viele haben die Übertragungen gesehen, die wirklich umfassend waren. Es wurde praktisch alles übertragen, was der Papst gemacht hat – in den englischsprachigen, aber natürlich auch in den arabischsprachigen Programmen“. Die Menschen seien beeindruckt gewesen von der Freundlichkeit des Papstes – etwa, dass er immer wieder „al-salamu alaikum“ gesagt habe, was „ein Gruß der Muslime sei und signalisiert: Ich bin bei euch“.

Die Forderung des Papstes an Präsident al-Sisi: „Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit“

Dass der Papst sich vor den Karren von Präsident al-Sisi habe spannen lassen, findet Schroedel überhaupt nicht, „im Gegenteil“: „Er hat zum Beispiel gleich am Anfang die drei Schlagworte der Revolution vom 25. Jänner 2011 erwähnt, nämlich Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Das war wahrscheinlich genau die Äußerung, die al-Sisi nicht hören wollte. Später hat der Papst dann an unveräußerliche Menschenrechte, Gleichheit aller Bürger, Religions- und Meinungsfreiheit, die Rolle der Frau erinnert – richtig klare, gute Forderungen“. Auch diese Papstansprache an das offizielle Ägypten sollte noch einmal in Ruhe gelesen werden, findet Schroedel: „Da steckt viel, viel positiver Brennstoff drin“. (radio vatikan/poi)

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