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TÜRKEI: Staat konfisziert christliches Eigentum

Aramäer verlieren Kirchen, Klöster und Grabanlagen an die türkische Religionsbehörde

Nach Erlass eines Dekrets konfisziert der türkische Staat jahrtausendealtes aramäisches Kulturerbe und überträgt mehr als 50 Kirchen und Klöster samt Grabstätten an die türkische Religionsbehörde (Diyanet). Dazu erklärt Daniyel Demir, der Vorsitzende des Bundesverbandes der Aramäer in Deutschland (mit Sitz in Heidelberg, Anm.):

„Die aktuellen überfallartigen Massenkonfiszierungen im Tur Abdin im Südosten der Türkei sind beispiellos und haben unvorstellbare Ausmaße angenommen. Nach Rücksprache mit der Verwaltungsspitze des Klosters Mor Gabriel stellt sich die Gemengelage als sehr komplex und undurchsichtig dar, zumal staatliche Stellen ihr übriges dafür tun. Jedenfalls scheint die Übertragung von bis dato mehr als 50 Kirchen und Klöster inklusive Grabanlagen an die türkische Religionsbehörde nur die Spitze des Eisbergs zu sein. Im Klartext kann das bedeuten, dass das ´Diyanet´ jahrtausendealtes Aramäisches Kulturerbe, Kirchen und Klöster aus den frühen Jahrhunderten an Dritte veräußern, in Museen oder aber auch Moscheen umwidmen könnte. Wir rufen die Bundesregierung dazu auf, den Aramäern zur Seite zu stehen.“

Seit Jahren weist der Bundesverband der Aramäer in Deutschland die Bundesregierung und die entsprechenden europäischen Institutionen mit großer Sorge auf unzählige, systematische Enteignungsprozesse hin, die Kirchen, Klöster und Ortschaften der Aramäer im Südosten der Türkei betreffen.

 

©: urfa63.net

Die vom Staat konfiszierte assyrische St. Peter- und Paul-Kirche in Urfa

Aramäer bis heute in der Türkei als Minderheit nicht anerkannt

Nicht zuletzt die Flutwelle von Enteignungsverfahren im Hinblick auf das Kloster Mor Gabriel aus dem 4. Jahrhundert durch türkische Institutionen, welche noch immer fortdauern, sondern auch die endgültige Beschlagnahme des ehemaligen syrisch-orthodoxen Bischofssitzes (St. Peter und Paul Kirche) in Urfa im vergangenen November wurde durch Pressemeldungen des Bundesverbandes scharf kritisiert. Die damals geäußerte Einschätzung zur Verschlechterung der Gesamtsituation tritt nun tatsächlich ein. Bis heute sind die Aramäer in der Türkei als Minderheit nicht anerkannt und können daher ihre Rechte, wie das elementare Menschenrecht auf Religionsfreiheit, nicht entsprechend ausüben. So ist der Eigentumserwerb, Bau oder Erhalt von Kirchengebäuden mit massiven Schwierigkeiten und Hindernissen verbunden, die Ausbildung des Priesternachwuchses oder aber auch der offizielle Unterricht der aramäischen Sprache, der Sprache Jesu, bis dato verboten. Die Lage der aramäischen Minderheit ist von erheblicher Rechtsunsicherheit und Willkür der örtlichen Behörden geprägt. Auch wenn die Enteignungswelle derzeit nur die Provinz Mardin betrifft, befürchtet der türkisch-stämmige Christ Simon Jacob vom Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD), der Regierung gehe es darum im ganzen Land „die christliche Identität immer mehr verschwinden zu lassen“. Mit dieser Befürchtung steht er nicht allein: die rund 160.000 einheimischen Christen sind nach dem Ja zur umstrittenen Verfassungsreform (vom 16. April 2017, Anm.) in Alarmbereitschaft und schauen mit bangen Blicken in die Zukunft. „Es herrscht ein Klima der Angst. Seit Jahren betreibt die türkische Regierung eine Politik der schleichenden Islamisierung.“ stellt Renate Sommer, Türkei-Expertin der Christdemokraten im Europäischen Parlament, höchst besorgt fest. „Sie arbeitet offensichtlich daran, die Aramäer regelrecht auszulöschen. Religiöse Minderheiten werden in Schulbüchern als Ungläubige und gefährliche Sektierer verunglimpft!“

Christen in der Türkei sind nicht willkommen

Dass Christen in der Türkei nicht willkommen sind ist nicht neu. Zielstrebig verfolgt der türkische Präsident Erdogan schon seit 1998 seine politische Karriere mit folgendem Leitsatz: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“  Diese Vision des muslimischen Machthabers bestätigte jüngst Boris Kálnoky, Türkei-Korrespondent der Tageszeitung „DIE WELT“ aus Istanbul: „Einer Vision eines neuen Osmanischen Reiches als Wegbereiter für den Willen Allahs folgt er flexibel, opportunistisch, nutzt Chancen dort, wo sie sich bieten, weicht aus, wo er muss, schlägt hart zu, wo er zu müssen meint und es sich erlauben kann.“ Erdogan habe so viele Gegner in seinem Leben überwunden, dass er „verwöhnte Europäer mit ihrem aufgesetzten Lächeln und ihren hohlen Phrasen als Gegner kaum ernst nehmen kann…“ Keine hohlen Phrasen kommen von der mutigen deutschen Christdemokratin Sommer. In einer Stellungnahme im Straßburger Plenum des Europäischen Parlaments Anfang Juli hat sie nun vehement das Ende der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei gefordert. Als einer der Gründe dafür nannte sie dabei die nicht existierende Religionsfreiheit im Land und die Nichtbeachtung grundlegender Menschenrechte. (Bundesverband der Aramäer / Die Tagespost / Die Welt / IdeaSpektrum / CSI)

Zu den Aramäern

Die Aramäer sind ein semitisches Volk, das im Südosten der Türkei sowie in den Ländern des Nahen Ostens beheimatet ist. In Deutschland leben etwa 150.000 Aramäer, in der EU insgesamt bis zu 350.000. Die christlichen Aramäer sind hauptsächlich Angehörige der syrischen Kirchen, darunter syrisch-orthodox, syrisch-katholisch, syrisch-maronitisch, syrisch-chaldäisch, apostolische Kirche des Ostens und Weitere.

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