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SYRIEN: Pater Jacques Mourad, ehemalige Geisel des „IS“, im Gespräch mit CSI: „In meinem Land herrscht absolute Finsternis!“

Pater Jacques Mourad

Der syrisch-katholische Pater Jacques Mourad spricht mit CSI-Sprecherin Pia de Simony über seine mehrmonatige Gefangenschaft(1) bei den IS-Terroristen und über seine Sorgen um Syriens Christen. Bewusst hat er es vermieden, Antworten auf heikle politische Fragen zu geben, da er nach wie vor um sein Leben bangen muss. Aus Sicherheitsgründen lebt er vorübergehend im libanesischen Exil und hofft auf seine baldige Rückkehr in die Heimat.

Pater Jacques, haben Sie sich seit Ihrer Befreiung aus den Fängen des sog. „Islamischen Staates“ („Daesh“) wieder erholt?

Gottlob geht es mir in der Tat wieder gut – vor allem gesundheitlich.

Ein Foto aus Ihrer IS-Gefangenschaft zeigt Sie in einem Saal mit vielen christlichen Geiseln – darunter befanden sich auch einige 12- bis 14-jährige traumatisierte Buben. Wie haben Sie ihnen in diesen schweren Monaten beistehen können?

Nicht nur die Burschen waren terrorisiert! Wir alle haben Todesängste ausgestanden. Wir hatten keine Ahnung, was die Terrormiliz mit uns vorhat und ob wir die Gefangenschaft überhaupt überleben werden. Doch auch in unseren dunkelsten Stunden haben wir nie die Hoffnung in Gott aufgegeben. Das gemeinsame Gebet, Tag für Tag, hat uns allen Kraft gegeben, die erlittenen Schikanen und Morddrohungen innerlich zu überstehen. Gottseidank haben es inzwischen alle Geiseln geschafft zu fliehen. Sie befinden sich derzeit in Sicherheit.(2)

Hat man Sie während Ihrer Haftzeit gut behandelt oder haben Sie eine Art Gehirnwäsche über sich ergehen lassen müssen?

Die schlimmsten Momente erlebte ich, als IS-Wachen regelmäßig meine Zelle aufsuchten und mit meiner Enthauptung drohten, sollte ich nicht bald zum Islam konvertieren. Als einer von ihnen mir eines Tages tatsächlich ein Dolchmesser am Hals ansetzte, war ich auf das Schlimmste gefasst. Doch es war am Ende nur eine einschüchternde Scheinhinrichtung, eine grausame seelische Marter. Die physische Folter hat sich gottlob auf ein halbstündiges Auspeitschen meines Rückens mit einem Gartenschlauch beschränkt, an dessen Ende kurze Seile befestigt waren. Was die Gehirnwäsche anbelangt, brauche ich Sie wohl nicht daran zu erinnern, dass ich Priester bin… Gerade in dieser leidvollen Zeit habe ich aus dem Gebet enorme Festigkeit und inneren Halt geschöpft.

Warum glauben Sie, hat man ausgerechnet Sie entführt, der seit 15 Jahren stets auch muslimischen bedürftigen Familien in Qaryatayn geholfen hat?

Vielleicht sahen sie gerade darin eine Gefahr. Es ist offensichtlich, dass der sogenannte „Islamische Staat“ die einheimischen Christen aus dem Nahen Osten auslöschen will – ausgerechnet dort, wo das Christentum seinen Ursprung hat. Diese Terrormiliz meint es ernst: Sie jagen nicht nur die Häuser der Christen in die Luft und konfiszieren ihre Besitztümer, damit sie zur Flucht gezwungen werden. Jetzt zerstören sie auch all ihre christlichen Symbole, die ein wesentlicher Bestandteil unserer Identität sind. Während meiner Gefangenschaft haben sie nicht von ungefähr unser Kloster St. Elian in Qaryatayn mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht.

Kann es denn überhaupt unter diesen Umständen noch eine Zukunft für die Christen in Syrien geben?

Eine schwierige Frage. Ich mache mir große Sorgen! So viele sind geflohen, weil sie in meinem Land derzeit kaum mehr einen sicheren Ort finden, wo sie in Würde weiterleben könnten. Jene etwa, die knapp dem Tod entronnen sind und in die christlichen Reviere des benachbarten Libanon geflüchtet sind, schaffen es kaum zu überleben, da sie nicht genug Geld für Unterkunft und Verpflegung aufbringen können. Einige von ihnen habe ich gekannt. Sie sind aus Schwäche gestorben oder weil sie sich nicht einmal die medizinische Grundversorgung leisten konnten. (Diese ist im Libanon, laut P. Jacques, für den Patienten nicht kostenlos, Anm.) Hinzukommt, dass sich die meisten Flüchtlinge illegal und ohne Dokumente auf libanesischem Boden aufhalten. So müssen sie jederzeit damit rechnen, nach Syrien abgeschoben zu werden, wo derzeit die absolute Finsternis herrscht.

Welche Sorgen machen Sie sich um die syrischen Christen und Muslime, die nach Europa geflüchtet sind?

Ich mache mir Sorgen, wie sie in fremder Umgebung unser reiches religiös-kulturelles Erbe weiter bewahren und diese ihren Kindern weitergeben können. Mein dringender Rat an die westlich-säkularen Gesellschaften: Unterstützen Sie verstärkt die Ortskirchen, damit diese unsere Gläubigen unter ihre Fittiche nehmen. Christen verstehen sich mühelos unter ihresgleichen. Problematisch ist es, wie es das laizistische Europa schaffen wird, mit jenen fanatischen Muslimen umzugehen, die im Zuge der großen Flüchtlingswelle nun in alle Länder verstreut sind und inzwischen eine reelle Gefahr auch für den Westen darstellen.

Haben Sie persönlich Angst, in Syrien erneut in Gefangenschaft zu geraten?

Sicher! Aus diesem Grunde lebe ich momentan wie ein Zwangsumsiedler, so wie alle anderen Flüchtlinge auch, mit denen ich jetzt dasselbe Schicksal teile.

Sollten Sie bald in Ihr Heimatland zurückkehren können, was würde auf Ihrer Prioritätenliste stehen?

Mein sehnlichster Wunsch wäre es, meine Tätigkeit als Brückenbauer an der Basis zwischen der christlichen und muslimischen Bevölkerung fortzusetzen, genauso wie ich es bisher immer schon getan habe. Ich möchte all jenen Menschen – vor allem den vielen Binnenflüchtlingen – seelisch und materiell beistehen, die am härtesten von den Kriegswirren getroffen wurden. Doch vorerst bleibt meine Rückkehr nach Syrien nur ein frommer Wunsch. Aus welchen Gründen das so ist, darf ich derzeit leider nicht enthüllen.

___________________

(1) vom 21. Mai bis 10. Oktober 2015. (Die September und November 2015-Ausgabe der „Christen in Not“ berichtete
bereits ausführlich darüber.)

 

(2) Allerdings soll die Terrormiliz – laut Auskunft der assyrischen Nachrichtenagentur AINA – immer noch 179 christliche Geiseln aus der im August des Vorjahrs eroberten Stadt Qaryatain in Gewahrsam haben, Anm.

 

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