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SYRIEN: Kurzporträt des neugewählten Patriarchen der melkitischen (griechisch-katholischen) Kirche Yousef I. Absi, Nachfolger von Gregorios III. Laham

„Er ist ein spiritueller Mensch, bescheiden und menschennah – genau was unsere Gemeinde in Syrien jetzt braucht“.

 Das äußert über ihn der melkitische Pater Hanna Ghoneim aus Damaskus (*) im Gespräch mit CSI-Sprecherin Pia de Simony

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 Inzwischen ist Absi, der einem melkitischen Paulisten-Orden angehört, zum neuen Oberhaupt Ihrer Kirche gewählt worden. Wie war Ihre allererste Reaktion darüber, als Sie davon erfahren haben?

 Hanna Ghoneim: Die Wahl des Erzbischofs Absi zum Patriarchen unserer Kirche habe ich mir sehr gewünscht – wie übrigens auch viele syrische Christen, mit denen ich noch davor Anfang Juni in Damaskus gesprochen hatte. Absi hat viele Eigenschaften, die ihn zu diesem Amt befähigen: Er besitzt zwei Staatsbürgerschaften, die syrische und die libanesische; in beiden Ländern ist er sehr bekannt und beliebt. Er ist ein spiritueller Mensch, bescheiden und menschennah – genau was unsere Gemeinde in Syrien jetzt mehr denn je braucht. In der Krise, die Syrien seit sechs Jahren durchmacht, hat er in Damaskus seine Gemeinde nie im Stich gelassen. Außerdem mischt er sich ungern in die Politik ein, was wir Christen sehr zu schätzen wissen.

Aus welchem Grund hat er sich – Ihrer Meinung nach – als Erzbischof ganz selten öffentlich zu den heftigen Kriegsauseinandersetzungen in Ihrem Land geäußert?

Das ist meines Erachtens auf zwei Gründen zurückzuführen. Erstens, wollte er als Patriarchalvikar in der Öffentlichkeit nicht erscheinen. Dies zu tun stünde eher einem Patriarchen zu. Zweitens, hat er sich in der Krise eher pastoralen als politischen Aufgaben gewidmet. Darüber hinaus ist er ein Hymnograph und Komponist, also ein Künstler, der Melodien für liturgische Texte komponiert hat. Er hält viel von der Kreativität.

Welche Art von Beziehungen pflegt er zu den Muslimen – und wie stehen die Muslime zu ihm?

Er pflegt gute Beziehungen ebenso zu allen islamischen Konfessionen als auch zu den anderen kirchlichen Gemeinschaften im Lande, wie es in Syrien stets üblich war. Die Muslime zollen ihm hohen Respekt! Erst gestern besuchte ihn der ihm freundschaftlich verbundene syrische Großmufti Ahmad Badr ad-Din Hassun. Das offizielle Treffen (s. Foto) wurde auch vom einheimischen Fernsehen übertragen.

Der neue melkitische Patriarch (3. von re.) begrüsste gestern seinen Gast, den syrischen Großmufti Hassun, mit einem Gebet.

Worin sehen Sie Absis große Stärken?

In der Gemeinschaft! Er hält viel von der kollegialen Arbeit. Bevor er wesentliche Entscheidungen trifft, lässt er sich von allen Seiten gut beraten. Den Laien, gerade den Jugendlichen, gibt er auch die Möglichkeit, sich aktiv am kirchlichen Geschehen zu beteiligen.

Wie würden Sie ihn kurz charakterisieren?

Als ein Mann des Friedens. Er ist wie sein Namenspatron, der Heilige Joseph: er arbeitet schweigsam.

Was glauben Sie, wird der neue Patriarch auf alle Fälle anders machen als sein Vorgänger Gregorios III.?

Die Erwartungshaltung bei den Melkiten ist jetzt groß. Der Neugewählte ist, auch charakterlich, ganz anders als sein Vorgänger. Absi hat bei seiner Amtsantrittsrede sein künftiges Programm angekündigt. Das lässt sich in vier Stichworten zusammenfassen: Zeugnis, Dienst, Mission und die kollegiale Arbeit. Er selbst ist ein Missionar aus der Kongregation vom Hl. Paulus. Daher versteht er sein Amt als Dienst und nicht als Herrschaft. Es ist eine Möglichkeit, Zeugnis für Jesus abzulegen, indem er den Auftrag Christi in seiner Gemeinde erfüllt. Das geschieht, wenn man die Kräfte der Gemeinde heranzieht. Bei seinem Vorgänger vermisste man in den letzten Jahren die kollegiale Zusammenarbeit im Dienst der Kirche. Das war meines Erachtens der ausschlaggebende Grund, warum über die Hälfte der Bischöfe der Synode ihn aufgefordert hatte, zurückzutreten. Der neue Patriarch möchte die Synodalität der Kirche wieder stärken. Die vielen Projekte, die Patriarch Gregorios III. dankbar initiiert hat, sollen künftig von allen getragen werden und sich nicht nur in der Hand einiger Individuen befinden.

Könnten Sie uns abschließend noch zwei ganz aktuelle, aufschlussreiche Zitate des neuen Patriarchen mit auf den Weg geben?

„Wir sind nicht zur Herrschaft berufen, sondern zum Zeugnis. Die Herrschaft bindet die anderen an seinen Herrscher, während das Zeugnis bindet der Zeuge an die anderen.“ (Bei seiner Amtsantrittsrede in Ain Traz am 21.6.2017, Anm.)

„Jesus Christus sendet uns wie einst seine Jünger, um den Menschen zu dienen und nicht um über sie zu herrschen“ (während eines Interviews mit einem einheimischen Fernsehsender gleich nach der Ankündigung seiner Wahl).

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 (*) Pater Hanna Ghoneim ist Seelsorger seiner melkitischen Gemeinde in Wien. Zwei- bis viermal im Jahr besucht er sein Patriarchat in Syrien und hilft den dort verarmten und in großer Not geratenen Christen.

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ZUR PERSON Seiner Seligkeit Yousef I. Absi

(Quelle: Pro Oriente und CSI)

Funktion: griechisch-melkitisch katholischer Patriarch von Antiochien und dem Ganzen Orient, von Alexandrien und von Jerusalem

Lebenslauf: Die Wahl von Erzbischof Yousef I. Absi zum Patriarchen erfolgte am Mittwoch, 21. Juni 2017; der Synod war am 19. Juni in Ain Traz im Libanon, der Sommerresidenz des melkitischen Patriarchen, zusammengetreten, 29 der 33 Wahlberechtigten nahmen teil. Yousef Absi wurde am 20. Juni 1946 in Damaskus geboren, 1973 erhielt er die Priesterweihe. Er studierte Philosophie und Theologie in Harissa. Absi gehört dem melkitischen Paulisten-Orden an, dem er einige Jahre als Generaloberer vorstand. Als akademischer Lehrer – u.a. an der katholischen Universität Kaslik, wo er promovierte – war Absi ein ausgewiesener Fachmann im Bereich der liturgischen Musik und der Hymnographie. (U.a. hat er einen Hymnus komponiert, der durch die große Sängerin, Sr. Marie Keyrouz bekannt gemacht wurde.) Im Jahr 2001 wurde er als Titularerzbischof von Tarsus an die Kurie des melkitischen Patriarchen in Damaskus berufen, ab 2006 war er auch Patriarchalvikar für Damaskus.

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