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Österreich – Kopftuch-Sager sorgt für Entsetzen

Offener Brief von erzürnten Musliminnen

© ORF.at

Der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen sieht den Tag nahen, an dem alle Frauen aus Solidarität ein Kopftuch tragen sollen: „Wenn es so weitergeht … bei der tatsächlich um sich greifenden Islamophobie, wird noch der Tag kommen, an dem wir alle Frauen bitten müssen, ein Kopftuch zu tragen – alle – aus Solidarität gegenüber jenen, die es aus religiösen Gründen tun.“ Und weiter: „Es ist das Recht der Frau – tragen Männer auch Kopftücher? Es ist das Recht der Frau wie auch immer sie möchte…“. Genau dafür sprach sich das Staatsoberhaupt kürzlich in einer vom ORF übertragenen Diskussionsrunde mit SchülerInnen im Haus der Europäischen Union in Wien aus (im Bild) und sorgte damit – auch international – für große Irritation in den sozialen Netzwerken.
Solidarität mit Musliminnen?
Liberale Muslime und muslimische Menschenrechts-aktivistinnen sind entsetzt. Sieben besonders einflussreiche unter ihnen griffen sofort zur Feder und verfassten mit Herzblut einen „Offenen Brief“ an den österreichischen Präsidenten, den wir in leicht gekürzter Form im Wortlaut veröffentlichen. (Die Zwischentitel stammen von der Redaktion, Anm.).

Sehr geehrter Herr Bundespräsident van der Bellen,
wir, die Menschenrechtsaktivistinnen die aus rein islamischen Kulturkreisen kommen und aus diesen fliehen mussten, weil unser Leben bedroht war – wir den religiösen Zwang, die Unterdrückung und die Gewalt als Frauen nicht mehr ertragen konnten – sind entrüstet über Ihre in unseren Augen naiven Aussagen bezüglich des Kopftuchs und des politischen Islams. Unsere Arbeit sowie unsere persönlichen Geschichten dürften Ihnen als Politiker bekannt sein.
Wir sind aus Saudi-Arabien, Iran, Irak, Pakistan, Afghanistan, Algerien, Mazedonien und selbst aus muslimischen Familien in Europa geflohen. Viele von uns mussten unter dem gesetzlich verordneten Kopftuchzwang leben, andere unter dem Druck, dass das Kopftuch das Symbol für eine ehrbare und sittliche Frau ist. Daraus haben wir uns unter lebensbedrohlichen Umständen heraus gekämpft.

Das Kopftuch ist ein Symbol für Unterdrückung, nicht für Freiheit!
Wir wissen leider zu gut, was es heißt, in diesen Kulturkreisen als Frauen hineingeboren zu werden und unter diesen frauenfeindlichen Umständen aufzuwachsen. Daher haben wir es zu unserer Lebensaufgabe gemacht, die Millionen Frauen auf der ganzen Welt, die in diesen Kreisen gefangen sind und darunter leiden, auf ihr Leid aufmerksam zu machen. Sie (Herr Bundespräsident, Anm.) missbrauchen die Kraft Ihres Amtes, indem Sie das Kopftuch als ein Symbol der Freiheit darstellen, obwohl es für Unterdrückung, Zwang und die Trennung zwischen einer sittlichen ehrbaren Frau und einer Hure steht! Sie gehen sogar so weit, uns westliche freie Frauen darum zu bitten, uns aus Solidarität gegen die sogenannte Islamophobie und den vermeintlichen Rassismus zu entweiblichen? Dieser Kulturrelativismus, dieser pure Sexismus, den Ihre Aussagen bedeuten, ist für uns unerträglich.

Errungenschaften der Frauenbewegung bewahren
Herr Bundespräsident, gehen Sie in sich. Denken Sie über Ihre Aussagen nochmals nach. Wir sehen die dringende Notwendigkeit einer Zusammenkunft mit Ihnen, in dem wir Ihnen genau berichten können, was es bedeutet als Frau in diesen Kulturkreisen zu leben. Wir geben Millionen von Frauen eine Stimme, die keine in der Öffentlichkeit haben. Wir schützen die Errungenschaften der Frauenbewegung, die unverzichtbar für die heutige Demokratie, unsere westlichen Werte und Gesetze sind.
Sie nehmen sich die Zeit um die Stimmen der Menschen, die unter der angeblichen „Islamophobie“ leiden, zu hören. Nun fordern WIR, die Stimmen von Millionen von Frauen und auch Männern, die unter dem politischen patriarchalischen Islam gelitten haben und bis heute tagtäglich leiden, Ihre Aufmerksamkeit ein. Dies sind Sie nach Ihren öffentlichen Aussagen Millionen Menschen schuldig. Wir denken, dass es auch in Ihrem Interesse liegt, auf Leid, Zwang und Unterdrückung aufmerksam zu machen und alle beteiligten Seiten anzuhören, sowie es in Ihrem Interesse liegt, den rechten Hetzern das Feld nicht zu überlassen.
Daher sind wir in guter Hoffnung, dass ein Treffen zwischen Ihnen und uns schnellstmöglich durchführbar ist.
Die Unterzeichnerinnen:
Mina Ahadi und Nazanin Brumand (Iran), Zana Ramadani (Mazedonien), Kenza Boukhelida-Andresen und Naila Chikhi (Algerien), Worood Zuhair (Irak) sowie Rasha Ahamad (Jemen).

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