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Marokko: Theologisches Zünglein an der Waage

In Marokko ist für die Abwendung vom Islam fortan keine Todesstrafe mehr vorgesehen. Das entschied der Oberste Rat der Religionsgelehrten, der sogenannten Ulema, in der vergangenen Woche. Als „sehr wichtig“ und „intelligent“ wertet den Schritt Pater Samir Khalil Samir. Marokko sei eines der ersten Länder der islamischen Welt, die sich bei Religionswechsel „deutlich“ von der Todesstrafe distanzierten, lobt der ägyptische Jesuit und Islamforscher im Interview mit Radio Vatikan. Die Entscheidung weckt Hoffnung auf Glaubensfreiheit für Christen in dem zu 99 Prozent muslimischen Land in Nordafrika.

Weichenstellung mit großer Wirkung

Möglich wurde die Entscheidung gegen die Todesstrafe durch eine Neuinterpretation des Glaubensabfalls: Die marokkanischen Religionsgelehrten entschieden, das Religionsgesetz der Scharia nicht wörtlich anzuwenden, sondern es unter Berücksichtigung heutiger Gegebenheiten zu deuten – laut Samir eine kluge Entscheidung: „Sie haben erklärt: ,Es bleibt gültig, was der Prophet Mohammed sagte, aber das war damals. Heute ist die Situation anders, man kann das also nicht wörtlich nehmen, sondern muss interpretieren.‘ Das ist ein kleiner Schritt, mit dem man sagt: ,Wie kann man die Prinzipien des Korans und den Propheten heute verstehen?‘ Man kann ja schließlich nach 14 Jahrhunderten nicht dieselben Begründungen haben…!“

In der kriegerischen Frühzeit des Islam war die Abwendung vom Islam gleichbedeutend mit Verrat an der Gefolgschaft des Propheten, der so genannten „Umma“. Da ging es in erster Linie um politischen, nicht religiösen Verrat. Samir, der am Päpstlichen Orientalischen Institut in Rom lehrt, erklärt: „Der Begriff ,Umma“, Nation, kommt vom ,Umm‘, Mutter. Das bedeutet in dieser Zeit die Gruppe, die mit dem Propheten war, also seine Nation sozusagen, die gegen die Ungläubigen von Mekka war – zwei politische Gruppen. Und wenn man als Verräter von der einen zur anderen Gruppe ging, bedeutete das, dass man politisch etwas gegen die eigene Gruppe tat.“

Differenzierung von Religion und Politik

Dieses Verständnis wenden Marokkos Ulema mit ihrer jüngsten Entscheidung an, bei der sie den Religionswechsel von politischen Fragen stärker abtrennen. Die Abwendung vom Islam kann demnach nur dann mit dem Tod bestraft werden, wenn sie einem „politischen Verrat“ gleichkommt. In welchem Fall also? – wollten wir von Pater Samir wissen. „Es könnte sein für einen politischen Verräter im Fall eines Krieges Marokkos mit einer anderen Nation, nach dem Motto: Man geht zum Gegner und verrät schwache Punkte oder Ähnliches. Aber ich glaube nicht, dass die Strafe dafür noch gebraucht wird.“

Marokkos Entscheidung könnte auch anderen islamischen Ländern den Weg weisen, hofft Pater Samir. Weltweit sei der Islam heute durch Fanatiker bestimmt, die den Koran wörtlich auslegten und die Absicht hätten, gemäßigte Muslime auf ihre Seite zu ziehen und zu radikalisieren: „Heute ist die Mentalität in eine fanatische Richtung getrieben worden, das ist das Problem. Isis kommt von diesen Gedanken her, von diesem wahabitischen oder salafistischen Gedankengut, auch von der Muslimbruderschaft. Diese Gruppen sind nicht die Mehrheit, aber sie sind kraftvoll genug, um ihre Vision aufzuzwingen. Saudi-Arabien kauft Leute und Staaten, man gibt ein Paar Milliarden, und dann muss ihre islamische Vision akzeptiert werden.“

Beginn eines Mentalitätswandels?

Öffnung in Marokko sind für Pater Samir Khalil Samir König Mohammed VI., den der Jesuit als „offen und Mann von großer Kultur“ beschreibt, und dessen Frau Lalla Salma. Das Herrscherpaar ist dafür bekannt, islamisch-konservativen Kräften entgegen zu steuern und sich für soziale Gerechtigkeit und Demokratie einzusetzen. Erst vor kurzem hat der marokkanische König ein Burka-Verbot erlassen, das er mit der Sicherheitsfrage begründete. Seine Frau erscheint regelmäßig ohne das Kleidungsstück in der Öffentlichkeit – für viele Muslime ein Skandal.

Von „Religionsfreiheit“ kann mit dem Ulema-Entscheid in Marokko aber immer noch keine Rede sein. Pater Samir erzählt von Fällen, wo muslimische Eltern selbst die Todesstrafe für ihren Sohn oder ihre Tochter wollten, wenn diese dem Islam den Rücken kehrten. Könnte die theologische Neubewertung der Ulema in solchen Fällen das Zünglein an der Waage sein? Pater Samir sieht mit der Öffnung in Marokko jedenfalls die Möglichkeit eines langfristigen Mentalitätswandels in dem islamischen Land: „Es gibt sicher einen Teil der Bevölkerung, der nicht einverstanden ist, aber der König hat so entschieden und auch das Parlament, die Regierung. Ich glaube, die Menschen werden das langsam akzeptieren.“

Koran sieht gar keine Strafe im Diesseits vor

Auf dem Papier ist in Marokko die Abwendung vom Islam kein Strafbestand; die Todesstrafe war bisher dem islamischen Gesetz der Scharia zufolge vorgesehen. Das steht in einem gewissen Widerspruch zum Koran, erklärt Pater Samir, denn die heilige Schrift der Muslime selbst sieht eigentlich gar keine Strafen im Diesseits vor – auch dies betone die aktuelle Neuinterpretation.

In Marokko sind ungefähr 99 Prozent der Bevölkerung Muslime. Christen, die nur ein Prozent der Bevölkerung ausmachen, werden kontrolliert und stark eingeschränkt. In seiner Islamkritik plädiert Pater Samir, ähnlich wie auch progressive Stimmen innerhalb des Islam, für mehr Exegese und eine stärkere theologische Auseinandersetzung. Aktuell beobachtet er Rückschritte in dieser Hinsicht; so habe es selbst im Mittelalter im Islam schon ein progressiveres Glaubensverständnis gegeben als insgesamt heute.

(Quelle: Radio Vatikan / asianews 14.02.2017 pr)

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