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ÄGYPTEN: Nach furchtbarem Anschlag auf koptische Pilger auch Zweifel an Polizei und Justiz

Experten: Behörden in ägyptischer Provinz Minya halten sich nach außen bedeckt, spielen aber Dschihadisten Informationen zu und schützen sie nach der Tat

Kairo – Rom – Wien – Nach dem verheerenden Blutbad auf Christen in einem Bus in Ägypten haben Kirchenvertreter in vielen Ländern ihre Abscheu über die Tat bekundet. Der Kairoer Papstbotschafter Erzbischof Bruno Muso sprach von einem „feigen Anschlag“. Der Akt richte sich „gegen die Christen, gegen die Kirche und gegen alle Ägypter“, sagte der Nuntius der italienischen katholischen Presseagentur SIR. Gleichzeitig warnten Experten, dass es Indizien über eine Infiltration des Sicherheits- und Justizapparats in Minya durch Islamisten gebe. Die Behörden hielten sich nach außen bedeckt, spielten aber Dschihadisten Informationen zu und schützten sie nach der Tat.

Das koptisch-katholische Patriarchat: „Jetzt kehrt die Angst zurück!“

Ein Vertreter des koptisch-katholischen Patriarchats äußerte den Verdacht, das Attentat erfolge mit Absicht vor dem christlichen Pfingstfest und vor Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan. „Jetzt kehrt die Angst zurück – und mit ihr auch wieder die fest verschlossenen Kirchen“, so der Sekretär des Patriarchats, Hani Bakhoum Kiroulos, zu SIR.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, zeigte sich tief erschüttert über den Anschlag. „Diese nicht enden wollende Gewalt gegen die christliche Minderheit macht fassungslos; sie muss mit allen legitimen Mitteln gestoppt werden“, erklärte der Präsident der EU-Bischofskommission COMECE am vergangenen Freitag in Bonn. Seine Gebete und Gedanken seien bei den Menschen, die ihr Leben verloren haben, bei den Verletzten und den Angehörigen. Marx sprach allen koptischen Christen und Papst Tawadros II., dem Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche, sein tief empfundenes Mitgefühl aus.

Die Bluttat reiht sich nach Worten des Kardinals ein in eine Vielzahl von Anschlägen, denen koptische Christen in Ägypten in den vergangenen Jahren zum Opfer gefallen sind. „Papst Franziskus hat mit seinem erst einen Monat zurückliegenden Besuch in Ägypten die christlich-islamischen Beziehungen gestärkt und den bedrängten Christen Mut zugesprochen“, erinnerte Marx.

© copt.com

Vermummte IS-Kämpfer schossen mit automatischen Waffen auf koptische Pilger

Die Worte des Papstes seien in vielen Teilen der Welt, auch unter den Muslimen, „als kraftvolles Zeichen für den Frieden verstanden worden“. Christen und Muslime müssten nun gemeinsam alles dafür tun, dass unsere christlichen Schwestern und Brüder in Sicherheit und Frieden leben könnten. „Lasst uns gemeinsam einstehen für Zusammenhalt, Menschlichkeit, Frieden und Nächstenliebe und allen widerstehen, die Hass und Gewalt predigen!“, appellierte Marx.

Zehn Täter, die auf drei Pick-ups verteilt waren, haben auf der Nationalstraße in der Provinz Minya mehrere Fahrzeuge, in denen koptische Pilger unterwegs waren – einen Autobus, einen Minibus, vermutlich zwei Privatautos – mit automatischen Waffen beschossen. Laut Gouverneur Essam Bedawi sei die Zahl der getöteten Christen – unter ihnen nicht wenige Kinder – auf 29 gestiegen. Mindestens 22 Menschen wurden verletzt. Die IS-Terrormiliz bekannte sich zu der Tat.

Der ägyptische Präsident Abd-el-Fattah al-Sisi verhängte erneut den Ausnahmezustand und berief sofort den nationalen Sicherheitsrat ein. Der Ministerpräsident, der Gesundheits- und der Sozialminister wurden nach Minya in Marsch gesetzt. Die ägyptischen Sicherheits- und Militär-behörden haben nach Angaben von Gouverneur Bedawi die Provinz völlig abgeriegelt, auch auf den Straßen, die in die Wüste führen. „Wir wollen die Terroristen nicht entkommen lassen“, erklärte er.

Das Blutbad bedeutet für die Regierung eine totale Katastrophe

Die Pilger waren auf dem Weg von Beni Suef zum Kloster Anba Samuel auf dem Qala-moun-Berg. Das Blutbad auf der Nationalstraße bedeutet für die ägyptische Regierung aus mehreren Gründen eine totale Katastrophe: Nach den verheerenden Anschlägen am Palmsonntag in der Markuskathedrale in Alexandrien und in der Georgskathedrale in Tanta – die 47 Todesopfer forderten – hatte Präsident al-Sisi bereits den Ausnahmezustand verhängt, um weitere Anschläge zu verhindern, sichtlich ohne Ergebnis. Papstbesuch und Friedenskonferenz sollten der Welt ein neues Ägypten im Zeichen der Gleichberechtigung aller Bürger unabhängig vom Religionsbekenntnis vor Augen führen, dieses Bild ist durch die blutige Attacke auf die Pilger völlig verdüstert. Und in der koptischen Community wächst der Zorn, weil wieder einmal in der krisengeschüttelten Provinz Minya ein furchtbares Blutbad geschehen ist. Immer mehr Christen werfen der Regierung vor, sie nicht genug vor islamistischen Angreifern zu schützen. „Unser Innenminister rennt herbei, um sich vor den Leichen der Opfer zu verbeugen“, sagt der ägyptische Jesuit William Sidhom. „Stattdessen sollte er mal mehr tun, um die Bürger am Leben zu erhalten.“

Auch der Staatsapparat mit Islamisten infiltriert?

Seit Jahren bestehen schwere Bedenken gegen den Staatsapparat in dieser Provinz Minya, weil dort immer wieder Verbrechen an Kopten verübt werden. Daher hält sich der Verdacht, dass der Apparat der Sicherheits- und Justizbehörden in Minya von Islamisten infiltriert ist, die sich nach außen bedeckt halten, ihre beruflichen Positionen aber dazu missbrauchen, ihren Komplizen Informationen zuzuspielen und sie nach den Verbrechen zu schützen. Auch am vergangenen Freitag stellte sich die Frage, wie die Verbrecher auf den drei Pick-ups erfahren hatten, dass in einem bestimmten Bus, einem Minibus und zwei Privat-PKW koptische Pilger unterwegs waren. (sir/poi/kap/asianews/csi)

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