Startseite / Flüchtlinge / Jean Benjamin Sleiman, Erzbischof von Bagdad, auf Besuch in Wien: „Beendet alle Kriege im Nahen Osten“

Jean Benjamin Sleiman, Erzbischof von Bagdad, auf Besuch in Wien: „Beendet alle Kriege im Nahen Osten“

„Wir brauchen im Irak – wie überall in der arabischen Welt – die Überwindung des Clan-Denkens und eine echte Modernisierung. Das bedeutet Durchsetzung des Rechtsstaates und Betonung der Verbindung von religiösem Glauben und Vernunft“

Wien – Der katholische Erzbischof (des lateinischen Ritus) von Bagdad, Jean Benjamin Sleiman, hat gestern in Wien an Außenminister Sebastian Kurz appelliert, dass sich die „international community“ für die Beendigung aller Kriege im Nahen Osten einsetzen soll. „Man kann nicht einerseits die islamistischen Terroristen bekämpfen und andererseits Waffen verkaufen wollen“, sagte Sleiman (ein gebürtiger Libanese, der aus dem Orden der Unbeschuhten Karmeliten kommt) bei einer Pressekonferenz in der Zentrale der Päpstlichen Missionswerke („Missio“) in Wien (im Bild unten). Zugleich ließ Erzbischof Sleiman keinen Zweifel daran, dass er – ebenso wie der chaldäisch-katholische Patriarch Mar Louis Raphael Sako – die Schaffung von „autonomen Gebieten“, die Bewaffnung von christlichen Milizen und den Einsatz von internationalen Friedenstruppen nicht für eine Lösung der Probleme der Christen des Zweistromlandes hält. Es bestehe die Gefahr der Isolierung und Ghettoisierung, die in Aussicht genommenen „autonomen Gebiete“ in der Ebene seien zudem schwer verteidigbar. Eine Lösung könne nur in einem Staat bestehen, der imstande ist, alle seine Bürger zu schützen und Rechtsgleichheit für alle Bürger herzustellen. Erzbischof Sleiman: „Wir brauchen an Euphrat und Tigris – wie überall in der arabischen Welt – die Überwindung des Clan-Denkens und eine echte Modernisierung. Das bedeutet Durchsetzung des Rechtsstaates und Betonung der Verbindung von religiösem Glauben und Vernunft“.

© Missio

Am schwierigsten ist die Wiederherstellung des verlorenen Vertrauens

Die Islamisten täuschten vor, alles „religiös“ aufladen zu wollen, tatsächlich sei im Nahen Osten vieles „der religiösen Substanz entleert“, betonte der Erzbischof von Bagdad. Die Verbrechen der IS (Daesh)-Terroristen seien „jenseits aller menschlichen Vorstellungen“, wobei der Erzbischof andeutete, dass in Mosul chemische Waffen an Gefangenen der Terroristen „erprobt“ worden seien. Leider gebe es auch kein Vertrauen mehr in die UNO; im Nahen Osten empfinde man sich als „Opfer eines neuen Kolonialismus, eines neuen Imperialismus“.

Die derzeitige Situation im Irak bezeichnete Erzbischof Sleiman als „zwiespältig“. Einerseits gebe es positive Entwicklungen, weil die Regierung in Bagdad zunehmend wieder die „Kontrolle des Territoriums“ zurückgewinne, andererseits gebe es eine schwerwiegende wirtschaftliche Krise. Zudem sei nicht vorhersehbar, was nach dem erhofften Sieg über die IS-Terroristen in den umstrittenen Gebieten (Sindschar, Mosul, Ninive-Ebene, Kirkuk) geschehen werde. Im Hinblick auf die Rückkehr der Christen in die Kleinstädte und Dörfer der Ninive-Ebene seien sich alle christlichen Kirchen einig (im Wiederaufbau-Komitee arbeiten die chaldäisch-katholische, die syrisch-orthodoxe und die syrisch-katholische Kirche mit). Auch Familien, die der Apostolischen Kirche des Ostens („assyrische Kirche“) angehören, würden nicht links liegen gelassen werden. Am schwierigsten sei es, das Vertrauen zwischen den vertriebenen Christen und den muslimischen Nachbarn wiederherzustellen, betonte Sleiman. In den bereits befreiten, östlich des Tigris liegenden (modernen) Bezirken von Mosul sei die beabsichtigte Rückkehr von christlichen Familien schwierig gewesen, weil deren Wohnungen bzw. Häuser inzwischen von Muslimen okkupiert worden waren.

Erzbischof Sleiman erinnerte in diesem Zusammenhang an die starke Präsenz von Ordensgemeinschaften des lateinischen Ritus in Mosul vor dem Überfall durch die IS-Terroristen. Vor allem die Dominikaner und Dominikanerinnen hätten in der Tigris-Metropole eine Jahrhunderte zurückreichende Tradition gehabt. Die Klöster seien alle von den Islamisten beschlagnahmt und geschändet worden.

„Zurück zu den Wurzeln“ – ein Großprojekt für rückkehrwillige Christen

Der Nationaldirektor von „Kirche in Not“-Österreich, Herbert Rechberger, berichtete bei der Pressekonferenz über das von seinem Hilfswerk in Gang gebrachte Projekt „Returning to the roots“ für die rückkehrwilligen christlichen Familien in der Ninive-Ebene. Das vom Nahost-Experten P. Andrzej Halemba ausgearbeitete Projekt sieht vor allem den Wiederaufbau der Wohnhäuser vor. Den Finanzbedarf schätze P. Halemba auf insgesamt 250 Millionen US-Dollar ein, „Kirche in Not“ habe zunächst 450.000 US-Dollar zur Verfügung gestellt. Rechberger: „Das Gesamtprojekt überschreitet unsere Möglichkeiten, die ‚international community‘ ist gefordert“. (Hier wird auch CSI-Österreich aktiv mithelfen, Anm.)

VP-Gemeinderätin Gudrun Kugler: „Drei Schwerpunkte der Solidarität für die orientalischen Christen“

Die Wiener VP-Gemeinderätin Gudrun Kugler berichtete bei der Pressekonferenz über drei notwendige Schwerpunkte der Solidarität für die orientalischen Christen. An Ort und Stelle stehe der Wiederaufbau im Vordergrund, wobei es um den Schutz der Christen, die Verbesserung der Infrastruktur und die Förderung der Bildung gehe. Auf der Ebene der „international community“ müsse alles getan werden, „damit nicht zu lange weggesehen wird“ (Gudrun Kugler brachte im Wiener Gemeinderat im Juni des Vorjahrs eine Resolution durch, mit der Wien der Entschließung des Europäischen Parlaments vom Februar 2016 gegen den Völkermord an Christen und Angehörigen anderer religiöser Minderheiten beitritt, Anm.). Schließlich gehe es auch darum, für die in Österreich lebenden orientalischen Christen – z.B. Kopten – entsprechende ausreichende Schutzmaßnahmen zu ergreifen, gab es doch Todeslisten gegen in Österreich lebende Kopten und Drohschriften an Mauern der koptischen Marienkathedrale in Wien-Donaustadt. (poi/csi)

Das könnte Sie auch interessieren...

ÖSTERREICH: Menschenkette von Moschee zu Kirche

Die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) wollte damit ein Zeichen für das Miteinander der Religionen setzen. Wien …

Unterstützen Sie die Arbeit für verfolgte Christen auf weitere Kanäle: