Startseite / Nachrichten / Irak: Einheimische Christen in Trauer über Zerstörungen in Mosul

Irak: Einheimische Christen in Trauer über Zerstörungen in Mosul

Sprengung der Al-Nuri-Moschee durch die IS-Terroristen ein „barbarisches Verbrechen“ – Chaldäischer Patriarch lädt Christen aus dem Westen ein, in die kurdische Region zu kommen, um den Menschen „Vertrauen in die Zukunft“ zu geben

Bagdad – Die chaldäisch-katholische Kirche hat in einer offiziellen Stellungnahme die Sprengung der für ihr „schiefes Minarett“ berühmten Al-Nuri-Moschee in Mosul beklagt und zugleich ihre Trauer über die Opfer der Bombenangriffe und ihre Sorge um die Zivilisten, die infolge der Gefechte Hunger leiden und nicht medizinisch versorgt werden können, zum Ausdruck gebracht. Der chaldäische Patriarch Mar Louis Raphael Sako hofft, dass angesichts der Not in Mosul die Sehnsucht nach Versöhnung und nach einem friedlichen und fruchtbaren Zusammenleben im Irak wachsen mögen.

Mosul, 1932: Die symbolträchtige Al-Nuri-Moschee mit dem schiefen Minarett vor deren Zerstörung. © Wiki

Die Sprengung der Al-Nuri-Moschee, die auf Initiative des seldschukischen Fürsten von Mosul und Aleppo, Nur-ed-din Zengi (118-1174) gebaut wurde, sei ein „barbarisches Verbrechen“, heißt es in der Erklärung des Patriarchats. Das charakteristische „schiefe Minarett“ galt als ein Wahrzeichen von Mosul. Im christlichen Volksmund von Mosul war die Neigung des Gebetsturms immer als eine „Verneigung“ vor einer marianischen Gebetsstätte in Erbil interpretiert worden. Der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi meinte, die Zerstörung der Großen Moschee und ihres Minaretts am Mittwoch sei ein „Eingeständnis der Niederlage“ der IS-Terroristen, denn gerade in der Al-Nuri-Moschee habe Abu Bakr al-Baghdadi im Jahr 2014 sein Phantasie-Kalifat proklamiert.

„Der sog. IS ist wie das Monster aus der Offenbarung des Johannes…“

Im Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur „AsiaNews“ sagte Mar Louis Raphael Sako, die Zerstörung der Al-Nuri-Moschee durch die IS-Terroristen sei nicht nur ein „Angriff auf die Geschichte der Stadt und des ganzen Landes“, sie richte sich auch gegen die Menschen, gegen ihre Kultur. „Daesh“ (IS) erscheine ihm wie das Monster von dem in der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Bibel, die Rede sei. Die Vernichtung eines ehrwürdigen Gotteshauses sei zutiefst zu verurteilen; die ganze Welt müsse sich bewegen und dazu beitragen, „dass diese Kultur des Todes besiegt wird“.

Sako: In meinem Elternhaus hatten sich IS-Terroristen eingenistet

In Mosul war der Patriarch auch in der Heiligengeistkirche, vor der vor genau zehn Jahren der junge Priester P. Ragheed Ganni zusammen mit drei Diakonen ermordet wurde. „Wir haben für unsere Märtyrer gebetet“, sagte Mar Louis Raphael Sako im Gespräch mit „AsiaNews“: „Für mich war es ein Schock, die Stadt wieder zu sehen, weil sie so verändert ist. Ich habe auch mein Elternhaus besucht, wo sich die IS-Terroristen eingenistet hatten. Jetzt wohnen dort zwei muslimische Familien, ich habe ihnen gesagt, dass sie bleiben können. Aber die Kirchen sind alle ruiniert, profaniert. Die ‚Daesh‘-Leute wollten die christliche Tradition ausradieren. Jetzt habe ich Angst um die Altstadt, wo auch die ältesten christlichen Gotteshäuser der Region stehen“.

Eine neue Kultur des Miteinanders unabdingbar nach so viel Angst und Verzweiflung

Grundsätzlich stellte der chaldäische Patriarch fest, dass es unter den christlichen Flüchtlingen aus Mosul und der Ninive-Ebene heute ein anderes Klima als noch vor einem Jahr gebe. Es entstehe eine „neue Kultur des Miteinanders, des Vertrauens zwischen Christen und Muslimen“. Das habe er auch am 9. Juni bei seinem Besuch in den bereits befreiten Stadtteilen von Mosul feststellen können, so Mar Louis Raphael Sako. Alle Leute, auch die Muslime, hätten ihm dort gesagt, dass die Christen unbedingt zurückkehren müssen, damit Mosul wieder seine Seele gewinne.

Von der IS-Ideologie dürfe nichts an den Ufern von Euphrat und Tigris zurückbleiben, unterstrich der Patriarch. Das sei eine „ungeheure Aufgabe“, an der alle mitwirken müssten: „Wir müssen für die Einheit des Landes arbeiten, die Beziehungen der Freundschaft zwischen den Menschen wiederherstellen“. Er lade die Christen des Westens ein, in die kurdische Region zu kommen, „um uns nicht nur eine materielle, sondern auch eine menschliche und spirituelle Hilfe zu leisten“, so Mar Louis Raphael Sako. Derzeit seien einige französische Gruppen in der Region, „aber wir würden noch mehr Gäste brauchen, die unseren Leuten helfen, wieder Vertrauen in die Zukunft zu haben“. Die Anwesenheit von Gästen aus den christlichen Ländern könne eine „Atmosphäre des Vertrauens und der Hoffnung“ schaffen, nachdem solang nur „Angst und Verzweiflung geherrscht haben“. Für den Wiederaufbau seien nicht nur materielle Mittel notwendig, sondern auch menschliche Beziehungen, der Austausch von Kenntnissen. Das könne auch ein Antrieb für die einheimischen Christen sein, sich in Bewegung zu setzen und den Wiederaufbau von Häusern und Kirchen entschlossen in die Hand zu nehmen: „Man kann nicht nur auf Hilfe von außen warten und selbst untätig bleiben“.

Allmählich kehren die christlichen Binnenflüchtlinge in ihre Ursprungsdörfer zurück

Immerhin kehrten die Flüchtlinge jetzt langsam in die Kleinstädte und Dörfer der Ninive-Ebene zurück, betonte der Patriarch. Manche seien auch „Pendler“, die zwar noch in Erbil leben, aber beginnen, ihre Äcker wieder zu bearbeiten. In Telskof gebe es schon wieder 635 Familien, in Baqofa 30 Familien, in Qaraqosh/Bagdida seien 126 Familien zurückgekehrt. (asianews/poi/csi)

Das könnte Sie auch interessieren...

„Österreich-Dorf“ im Irak: Kirchliche NGOs starten Hilfsaktion

Die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände, Christian Solidarity International (CSI-Österreich), Kirche in Not, Initiative Christlicher Orient und …

Unterstützen Sie die Arbeit für verfolgte Christen auf weitere Kanäle: