Startseite / Nachrichten / Interview mit dem syrisch-orthodoxen Patriarchen Ignatius Afrem II. Karim

Interview mit dem syrisch-orthodoxen Patriarchen Ignatius Afrem II. Karim

Heiligkeit, Sie haben sich dafür entschieden, als Patriarch in Damaskus zu bleiben. Wie sieht der Alltag für Sie aber auch für die vielen Christen vor Ort aus?

Nachdem ich zum Patriarch gewählt wurde, habe ich gefühlt, dass es meine Pflicht ist, bei den Menschen hier zu bleiben. Solange es hier Mitglieder der Kirche gibt, werde auch ich bleiben.

Ich habe mich auch dafür entschieden, den Sitz des Patriarchats wieder in die Altstadt von Damaskus zu verlegen. So kann ich den Menschen nahe sein, mit ihnen leben und ihre Wünsche und Hoffnungen teilen. Die ersten beiden Jahre wieder in Damaskus – 2014 und 2015 – waren freilich sehr schwer. Einerseits musste ich mich erst wieder auf das Leben vor Ort einstellen, andererseits war die Sicherheitslage sehr problematisch. In den von den Rebellen gehaltenen Gebieten der Stadt wurden die Christen oft verfolgt, sie wurden auch gezielt wegen ihrer Religionszugehörigkeit von Rebellen angegriffen, nicht nur, weil sie zufällig in einem Kampfgebiet waren.

Das letzte Jahr war jetzt wieder  besser, weil die syrische Armee viele dieser terroristischen Gruppen und Kämpfer unter Kontrolle gebracht hat. Auch Maßnahmen zum Wiederaufbau wurden bereits getroffen. Viele Rebellen zogen in andere Teile Syriens ab, andere – nicht so extreme –versuchen, sich wieder in der Gesellschaft zu reintegrieren. Das Leben ist jetzt wieder relativ sicher und normal in Damaskus, nicht nur für mich, sondern für die gesamte  Bevölkerung.

Es gibt zwar noch immer einige Kontrollpunkte, die das Reisen schwierig machen und in die Länge ziehen. Aber das Leben verläuft wieder normal: Die Leute gehen in die Arbeit oder zum Markt, die Kinder gehen in die Schule. Natürlich wagen wir Christen es nicht, die unsicheren Rebellengebiete zu betreten.

Gibt es moderate Rebellengruppen?

Im September 2014 war ich mit anderen Kirchenvertretern in Washington. Wir sind gemeinsam am Tisch mit US-Präsident Obama gesessen und er hat von sich aus erzählt, dass es so etwas wie eine moderate Opposition nicht gibt. Das sei eine Illusion. Das waren wirklich seine Worte. Wenn jemand versucht, uns umzubringen, Bomben auf uns wirf oder unsere Bischöfe entführt, wenn jemand Menschen tötet, ob Christen oder Muslime, ob religiös oder nicht – wie kann man sagen, dass so jemand moderat ist?

Die Amerikaner haben 500 Millionen US-Dollar gezahlt, um vermeintlich moderate oppositionelle Kämpfer auszubilden und auszurüsten. Aber nur eine im wahrsten Sinne des Wortes Handvoll dieser Männer haben dann auch wirklich für die anfangs noch vorhandene moderate Opposition gekämpft. Viele tausend andere haben sich al-Nusra, dem IS oder anderen islamistischen Gruppierungen angeschlossen.

Politische Reformen sind aber wirklich notwendig und dafür sind wir auch offen. Welches Land auf der Welt würde aber eine bewaffnete Opposition akzeptieren? Kein Land würde das akzeptieren, und Syrien ist keine Ausnahme. Wir sollten statt der bewaffneten Opposition eine politische Opposition einführen. Wir wären die Ersten, die sich für eine solche politische Opposition aussprechen würden, für eine Reform unseres politischen Systems. Aber wir sollten nicht diejenigen unterstützen, die andere im Namen der Demokratie mit ihren Waffen umbringen.

Christliche syrische Flüchtlinge betonen stets, dass es ohne Präsident Assad für Christen keine Zukunft in Syrien geben wird. Sehen Sie das auch so?

Präsident Assad steht für Stabilität in Syrien. Uns Christen wurde während seiner Regierungszeit und der seines Vaters ein Leben in Freiheit ermöglicht. Das bedeutet nicht, dass Präsident Assad der beste Präsident der Welt ist. Aber er ist auch nicht schlechter als die meisten Präsidenten, Könige oder sonstige Herrscher im Nahen Osten. Wir sehen ihn als jemanden an, der das Land zusammenhält. Wir sehen Assad als die Person an, die fähig ist, das Land vom Terror zu befreien. Die restliche Welt sollte Assad helfen, das Land vom IS, al-Nusra und anderen fanatischen islamistischen Gruppen zu befreien. Diese Gruppen greifen nicht nur Syrien an und auch nicht nur den Irak. Sie greifen Europa an und die Vereinigten Staaten. Und sie werden noch schlimmere Dinge machen, als sie es bis jetzt schon im Westen getan haben.

Russland unterstützt die syrische Regierung militärisch und auch die Russisch-orthodoxe Kirche zeigt viel Präsenz und Hilfe im Land; jedenfalls weit mehr als andere Kirchen. Ist das eine neue Entwicklung oder bestehen schon seit längerer Zeit so intensive Beziehungen zu Russland?

Historisch gesehen sieht sich Russland bzw.  die russische Kirche als Beschützerin der Orthodoxie im Nahen Osten. So wie sich etwa die Franzosen für die Katholiken und die Amerikaner für die Protestanten zuständig fühlen. Die gute Verbindung zu Russland war zwar nicht immer gleich stark, im Laufe des Krieges haben die russische Kirche und die russische Regierung  aber verstanden, dass die Gefahren für die syrischen Christen sehr groß sind. Natürlich sind wir nicht naiv und wissen, dass Russland  seine eigenen Interessen hat. Aber die Russen helfen der syrischen Armee, den IS zu besiegen. Die russische Kirche spielt außerdem eine wichtige Rolle bei der Hilfe für die syrische Bevölkerung. – Also ja, wir haben das Gefühl, dass uns von den Russen geholfen wird. Auch, wenn sie eigene Interessen vertreten. Das ist eben Politik.

Sie waren im Mai 2017 gemeinsam mit Kardinal Schönborn und weiteren hochrangigen Kirchenvertretern aus dem Nahen Osten in Washington, um Vertretern der US-Regierung und des politischen Establishments ihre Anliegen hinsichtlich der Syrien-Krise und der Situation der Christen im Nahen Osten darzulegen. Haben Sie das Gefühl, dass die US-Regierung ihre Anliegen verstanden hat? Früheren Regierungen wird ja oft vorgeworfen, sie hätten die Minderheiten im Nahen Osten vernachlässigt.

Die verschiedenen Personen, die wir getroffen haben – aus dem Weißen Haus, dem Außenministerium und dem Kongress – haben bei unseren Erzählungen viel Mitgefühl gezeigt. Es macht wirklich einen Unterschied, ob uns  jemand zuhört und mit uns ins Gespräch kommen will oder nicht. Ich kann nicht sagen, ob sich durch unseren Besuch etwas Konkretes entwickeln wird. Aber ich hoffe natürlich, dass die von uns angesprochenen Themen weiter behandelt werden und sich auf die US-Nahostpolitik auswirken.

Wir sind dankbar für die Gelegenheiten zum Gespräch, die wir hatten; zum Beispiel das Treffen mit US-Vizepräsidenten Mike Pence. Wir konnten unsere Anliegen aussprechen und wir werden das auch in Zukunft tun, wann immer es uns möglich ist.

Sie haben mehrmals die Politik Ungarns hinsichtlich der Hilfe für die Christen im Nahen Osten gewürdigt. Auf der anderen Seite wird Ungarn immer wieder für seinen Umgang mit Flüchtlingen kritisiert. Was spricht aus Ihrer Sicht für Ungarn?

Der entscheidende Punkt ist, dass Ungarn nicht nur redet, sondern auch handelt. Ungarn versucht, über die lokalen Kirchen im Nahen Osten zu helfen, im Unterschied zu vielen andern Staaten. Deren sogenannte „politische Korrektheit“ führt nur zu neuen Ungerechtigkeiten. Ein Resultat der Trennung von Kirche und Staat besteht darin, dass staatlichen Behörden nicht mehr mit der Kirche zusammenarbeiten können, weil das nicht mehr erlaubt ist. Ungarn hat mit diesen Vorgaben gebrochen, zu unserem Vorteil und zum Wohl für sehr viele Menschen, die im Nahen Osten leiden; vor allem Christen, die oft diskriminiert werden. Ungarn hat sich klar auf die Seite der benachteiligten Christen gestellt.

Das heißt freilich nicht, dass es uns nicht auch um die notleidenden Muslime geht. Im Nahen Osten sind die Mehrzahl der Menschen, denen wir helfen, Muslime. Und wir helfen mit Freude, weil es ein Teil unserer Vision ist, denen zu helfen, die Hilfe benötigen.

Wie Sie wahrscheinlich wissen, haben internationale Organisationen und Staaten zudem sehr hohe interne Ausgaben im Rahmen ihrer Hilfstätigkeiten. Einige Organisationen benötigen dafür fast 40 Prozent. Dann erreichen nur 60 Prozent der Spenden die Menschen, die sie benötigen würden. Wir haben durch die lokalen Kirchen beinahe keine Verwaltungsaufwendungen, höchstens zwei bis drei Prozent. Mehr als 90 Prozent der Spenden geht direkt  an die Menschen, die Hilfe benötigen. Ich hoffe und bete, dass auch andere Staaten dem Beispiel Ungarns folgen.

Organisationen, die vor allem den Christen im Nahen Osten helfen, stehen im Westen oft in der Kritik, dass sie doch allen Menschen helfen sollten.

Man muss den Leuten im Westen erklären, dass die Christen bzw. Kirchen, denen Hilfe zugutekommt, dann auch den Muslimen helfen. Wenn man aber Spenden etwa nur in Flüchtlingslager schickt, dann wird man damit in der Regel nicht einem einzigen Christen helfen, denn dort gibt es keine. Wir sind nicht gegen die Hilfe für die Flüchtlingslager in Jordanien, der Türkei oder im Libanon. Aber wenn man darüber hinaus auch Christen helfen möchte, führt der Weg dazu nur über die lokalen Kirchen vor Ort.

Welche Botschaft haben Sie für die österreichische Regierung?

Österreich könnte durch seine Neutralität eine wichtige Rolle im Syrienkonflikt spielen, um zwischen unterschiedlichen Positionen zu vermitteln. Aber wir haben bislang nicht bemerkt, dass die österreichische Regierung darum sehr bemüht wäre, Frieden und Sicherheit in der Region zu schaffen. Wir würden ein stärkeres Engagement Österreichs sehr begrüßen.

Sie haben schon viele wichtige westliche Politiker getroffen, zum Beispiel die maßgeblichen Führungspersönlichkeiten der Europäischen Union. Sie haben diesen Politikern sicher das Gleiche erzählt wie jetzt auch hier. Kommt Ihre Botschaft nicht an?

Es ist sehr schwierig. Die westliche Welt sieht den Konflikt in Syrien nur vor einem Schwarz-weiß-Hintergrund. Der Westen war so darauf fixiert, Präsident Assad abzusetzen, dass man unzählige Terroristen unterstützt hat – bei der Einreise nach Syrien, mit Geld und mit Waffen.

Man beschuldigt uns christlichen Führungspersonen, dass wir uns auf die Seite des syrischen Regimes stellen. Aber wir befürworten lediglich die Regierung dieses Landes. Es ist die Regierung, die die Menschen schützt, Christen und Nicht-Christen. Wir stehen zweitens zu unseren Leuten und versuchen, sie zu schützen, wo wir es können. Der Terrorismus ist der größte Feind für uns alle, nicht nur für die Menschen in Syrien oder dem Irak. Die ganze Welt sollte sich vereinigen, um sich gegen den Terrorismus zu stellen. Amerikaner, Russen und Syrer sollten zusammenarbeiten, um das zu ermöglichen und den IS zu besiegen.

Was in Syrien geschieht, ist nicht nur eine innere Angelegenheit, sondern hat internationale Dimensionen. Internationale Zusammenarbeit ist notwendig, sonst werden bald alle Christen aus dem Nahen Osten und aus Syrien verschwunden sein.

Sie wurden in Qamischli im Nordosten Syriens geboren. Wie sind Sie als Angehöriger einer Minderheit in einem muslimischen Land aufgewachsen?

Qamischli war kein Ort, an dem man sich als Minderheit gefühlt hat. Eher das Gegenteil war der Fall, denn Qamischli wurde von Christen erbaut. Die syrischen Christen aus den nördlichen Gebieten siedelten sich hier nach dem Völkermord im Osmanischen Reich (Anmk.: 1915-18) an. Das heißt, fast nur syrische Christen haben Qamischli errichtet. Die Mehrheit war jedenfalls lange nicht muslimisch. Aber später kamen sehr viele Kurden in die Stadt, aus der Türkei und anderen Ländern. Auch Araber kamen, die vom Land in die Stadt zogen. In den 1950er und 1960er-Jahren war Qamischli eine sehr lebhafte Stadt mit einer dynamischen christlichen Bevölkerung. Der Charakter von Qamischli war der einer christlichen Stadt; bis in die späten 1970er-Jahre. Dann wurden die Christen zur Minderheit.

Als ich in Qamischli aufgewachsen bin, in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren lebten wir nahe einer der vielen Kirchen der Stadt. Es gab sehr viele Kirchen und wir christliche Kinder sind fast jeden Tag dort gewesen, vor allem nach der Schule. Wir besuchten syrische Sprachkurse und nahmen am Abendgebet mit der Gemeinschaft teil und natürlich haben wir dort auch gespielt.

In der Schule hatten wir aber auch Freunde unter den Kurden oder den Arabern. Viele von uns lernten dadurch ein paar arabische oder kurdische Wörter, umgekehrt sprachen manche unserer kurdischen Freunde auch ein bisschen Syrisch. Unsere Hauptsprache zuhause war Syrisch-Aramäisch, Arabisch wurde uns in den öffentlichen Schulen gelehrt. Wir waren alle eine Gemeinschaft und haben Seite an Seite gelebt, Christen und Muslime. Niemand hat versucht, sich über den anderen oder dessen Kultur zu erheben. Das war gewissermaßen das Goldene Zeitalter von Qamischli in den 1950er- und 1960er-Jahren.

Später fühlten wir uns unter Druck gesetzt durch unsere ethnische Identität. Es war uns nicht mehr erlaubt, als eine ethnische Gemeinschaft aufzublühen. Aber als eine religiöse Gemeinschaft hatten wir alle Freiheiten. Wir haben uns nie als Diskriminierte empfunden in dieser Zeit religiöser Freiheit. Es gab ein breites Angebot an kirchlichen, kulturellen oder sozialen Aktivitäten, aber immer unter dem Dach der Kirche.

In meinen Jugendjahren habe ich schließlich Qamischli verlassen, um im Libanon das Priesterseminar zu besuchen. Von dort aus ging ich an verschiedene Orte, bis ich nach Damaskus zurückgekehrt bin.

Haben Sie sich in dieser Zeit in Qamischli völlig sicher gefühlt?

Ja, vollkommen sicher. Syrien im Allgemeinen war ein sehr sicherer Platz. Bis 2011 war Syrien eines der sichersten Länder der Welt. Wir konnten nach Mitternacht auf die Straßen hinausgehen und es ist nichts passiert. Es war ein sicheres Land.

Viele Christen im Orient sagen, es gibt zwar moderate Muslime, aber  keinen moderaten Islam. Würden Sie dem zustimmen?

Ja und nein. Es gibt moderate Muslime, die wirklich gute Menschen sind.  Wir sind gemeinsam mit ihnen geflohen oder werden in Zukunft mit ihnen fliehen. Wir sind mit vielen Muslimen befreundet. Allerdings: Es gibt im Koran Gewalt befürwortende Texte. Es hängt davon ab, wie sie interpretiert werden. Wenn man mit verschiedenen Imamen oder Repräsentanten verschiedener islamischer theologischer Schulen spricht, werden sie unterschiedliche Interpretationen des Koran befürworten. Deshalb können ihre Interpretationen von Muslimen zur Rechtfertigung ihres Tuns benutzt werden.

Es gibt theologische Schulen im Islam, die sehr streng sind und keine Abweichungen vom Text erlauben, so wie der Wahhabismus in Saudi-Arabien, die Muslimbruderschaft oder der Salafismus. Anhänger solcher Bewegungen neigen dazu, diese Texte als Aufforderung zu Gewalttaten gegen Nicht-Muslime zu verstehen. Aber diejenigen, die nicht solchen Strömungen angehören, interpretieren die Texte auf eine ganz andere Weise.

Also können wir nicht behaupten, alle Muslime wären gewalttätig und Terroristen. Das können wir nicht sagen. Wir können aber auch nicht sagen, dass es in den Texten oder Versionen des Korans keine Aufforderungen zur Gewalt geben würde, denn die gibt es. Es gibt durchaus Versionen, die zu gewaltvollem Handeln anregen können, wenn sehr streng interpretiert wird.

Vor einiger Zeit hat mir Metropolit Nikodemus David Sharaf, der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Mossul, seine persönliche Lebensgeschichte erzählt, sowie vom Aufkommen des IS und der Vertreibung der Christen aus der Ninive-Ebene. Dabei hat er auch mit Tränen in den Augen von seinen muslimischen Nachbarn berichtet, die ihn noch kurz vor dem Einmarsch des IS in Mossul vertrieben und seine Kirche angegriffen und verwüstet hätten. – So wie der Bischof dürften alle betroffenen Christen im Irak das Vertrauen zu ihren muslimischen Nachbarn verloren. Glauben Sie wird es irgendwann wieder eine gemeinsame Zukunft für die Menschen im Irak und in Syrien geben?

Die Situation im Irak ist anders als die in Syrien. Im Irak sehe ich keine unüberwindbaren Schwierigkeiten darin, das Vertrauen der Menschen wieder aufzubauen. Damit die Christen in ihre Heimat in der Ninive-Ebene zurückkehren können, braucht es aber besondere Maßnahmen. Die Verfassung im Irak erlaubt es, ein bestimmtes Gebiet als sichere, unabhängige Zone abzugrenzen. Eine solche Zone könnte für die Christen geschaffen werden.

Wir fragen dabei nicht nach internationalem Schutz, weil das wahrscheinlich nicht funktionieren würde. Es wäre kein gutes Gefühl, wenn Fremde unsere Leute beschützen. Aber es sollte einen politischen Plan geben, an den sich alle international Beteiligten halten, die US, Europa und die Vereinten Nationen. So könnte die Zukunft für die Christen in ihrer Heimat gesichert werden.

Wir hoffen und beten, dass der Irak auch weiterhin als ein einziges und einiges Land bestehen wird und die Christen darin eine spezielle Behandlung erfahren können. Wir wissen aber nicht, was die politische Zukunft bringt. Wir wollen einfach Frieden und Sicherheit und gute Beziehungen zu allen Nachbarn.

Wie sehen Ihre Vorstellungen für Syrien aus?

Wir sehen unsere Zukunft in einem vereinten Syrien, einem Syrien mit starker Regierung und starker Armee. Alle Bürger sollen geschützt werden, einschließlich der Christen. Die Christen sollen verteilt im ganzen Land leben, nicht isoliert an bestimmten Punkten. Wir sehen unsere Zukunft gemeinsam mit den Muslimen.

Einige wenige syrische Flüchtlinge sind wieder nach Syrien zurückgekehrt. Empfehlen Sie das auch den anderen Flüchtlingen?

Zuerst einmal würde ich niemandem empfehlen, Syrien zu verlassen. Zweitens, ja, ich würde es empfehlen, wenn es sich um friedliche Gebiete handelt. Es gibt noch immer viele Bereiche in Syrien, die man zur Zeit unmöglich betreten kann. Aber Städte wie Damaskus, Aleppo oder Homs, die unter Kontrolle der Regierung stehen, sind wieder zugänglich.

Die Menschen vor Ort leiden freilich noch große Not.  Es fehlt an Strom und sauberem Wasser. Die Wirtschaft liegt noch darnieder. Das alles sind Gründe für die Menschen, nicht nach Syrien zurückzukehren. Es wird noch viel Zeit vergehen, bis die Infrastruktur in diesen Gebieten wieder aufgebaut ist.

Wie optimistisch sind Sie hinsichtlich der Rückkehr der Christen?

Ich habe das Gefühl, dass nur ganz wenige von denjenigen, die Syrien bereits verlassen haben, zurückkehren werden. Ich hoffe es sehr, aber realistisch gesehen werden wohl nicht mehr als fünf bis zehn Prozent zurückkommen. Viele unserer syrischen Christen sind nicht nur wegen der Gewalttaten geflohen, sondern auch vor dem Militärdienst. In Syrien ist das eine Pflicht für jeden. Und andere Leute hatten wirtschaftliche Gründe für ihre Flucht, weil sie ein besseres Leben führen wollen. Also auch, wenn Syrien wieder ein vollkommen sicheres Land werden würde, so wie vor 2011, ich denke nicht, dass diese Leute zurückkehren werden.

In der Türkei gibt es eine kleine syrisch-orthodoxe Minderheit. Wie geht es diesen Menschen?

Was man in der Türkei beobachten kann ist die Entwicklung hin vom Säkularismus zu einem immer mehr vom Islam geprägten Politik und Gesellschaft. Viele türkische Politiker sagen zwar, sie hätten den Wunsch, dass die Syrisch-Orthodoxen im Land bleiben oder zurückkehren. Aber das, was derzeit passiert ermuntert die Menschen natürlich nicht, in die Türkei zu kommen.

Sie sprechen damit auch die Enteignungen von Kirchenbesitz im Südosten der Türkei, in und rund um den Tur Abdin an?

Wie kann die Behörde auf einmal behaupten, Kirchen zu besitzen, die schon im 15. Jahrhundert errichtet wurden? Warum werden sie der Regierung zugesprochen und später an Muslime übergeben? Wir leben im 21. Jahrhundert und die Türkei möchte ein Mitglied der EU werden. Aber all diese Dinge werden nicht dabei helfen, das zu erreichen.

Vor rund 100 Jahre wurden im Rahmen des Völkermordes an den Armeniern und anderen Christen im Osmanischen Reich bis zu 500 000 Menschen aus ihrem Volk ermordet. Die offizielle Türkei will bis heute von einem ‚Völkermord‘ nichts wissen. Vor einigen Jahren noch hatte man den Eindruck, sie könnte ihre Position ändern, heute scheint das wohl nicht mehr sehr wahrscheinlich zu sein?

‚Sayfo‘, der syrische Genozid, war nicht der erste Genozid und auch nicht der letzte. Jetzt gerade leben wir in der Zeit eines neuen ‚Sayfo‘.Was der IS  unseren Leuten in Syrien und im Irak angetan hat, wird als Genozid anerkannt. Aber der Genozid von 1915 erinnert uns an ein sehr schmerzhaftes Ereignis in der Geschichte unseres Volkes. Es wurde versucht, eine ethnisch-religiöse Säuberung durchzuführen an unserem Volk, gemeinsam mit den Armeniern, Griechen und anderen. Die Verwüstungen waren umfassend. Viele Leute wurden noch auf der Flucht umgebracht.

Unsere Gemeinschaft hat die Erinnerungen daran lange verdrängt und war fast 100 Jahre nicht fähig, über das Geschehene zu sprechen. Erst seit kurzem sind wir als Kirche und als Gemeinschaft dabei, offen über alles zu reden, die Ereignisse aufzuarbeiten und uns an das zu erinnern, was unsere Vorfahren durchleben mussten. Wir möchten einen Heilungsprozess beginnen. – Für uns selbst, aber auch für diejenigen, die sich damals gegen uns gerichtet haben.

Wir hoffen deshalb, dass sich die türkische Regierung um dieses Anliegen kümmert und den Weg der Erinnerung einschlägt. – Um ihretwillen und wegen der Opfer des Genozids. Solange wir diese Aufarbeitung nicht abgeschlossen haben, werden wir uns nicht vollkommen frei von der Vergangenheit fühlen können. Die Türkei braucht das wohl noch dringlicher als wir.

Vor einem Jahr hat man in Qamischli versucht, Sie umzubringen. Leben Sie in Angst?

Ich sehe das eigentlich nicht als einen persönlichen Angriff gegen mich, sondern gegen unsere christliche Präsenz. Wir haben an diesem Tag des ‚Sayfos‘ gedacht. Ich werde nicht mit Fingern auf jemanden zeigen, weil ich nicht genau weiß, wer hinter dem Anschlag steckt, aber ich bin sicher, es gibt gewisse Kräfte, die unser Volk nicht gerne in diesem Teil des Landes sehen. Sie wollen die Menschen dazu bringen, das Land zu verlassen. Es gab eine Reihe von ähnlichen Vorfällen auch an anderen Orten. Und so etwas ist eben auch passiert, als ich dabei war.

Der Selbstmordattentäter war ganz in meiner Nähe, ungefähr 14 Meter von mir entfernt. Er wollte mir mit der Bombe so nahe wie möglich kommen, wurde aber von der Security aufgehalten. Leider haben zwei der Sicherheitsmänner dabei ihre Leben verloren.

Habe ich Angst gehabt? Zuerst habe ich ein paar Momente lang versucht zu verstehen, was eigentlich passiert ist. Zugleich wollte ich die Leute beruhigen und habe sie aufgefordert, zu bleiben wo sie sind und zu beten, bis alle Menschen den abgesperrten Ort verlassen konnten. Ich war einer der Letzten, weil auch die letzten Verbliebenen noch von Angst geplagt wurden.

Sie haben keine Angst?

Ich fühle keine Angst. Ich glaube, wir müssen tun, was wir tun müssen. Wir müssen bei den Menschen bleiben. Das Risiko dafür, einen solchen Anschlag zu erleben, ist wahrscheinlich für mich höher als für andere Christen, weil ich die Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen repräsentiere.

Von Anfang an wurden in Syrien gezielt religiöse Führungspersonen angegriffen, um dadurch Botschaften zu vermitteln. Denken Sie an das Beispiel der beiden entführten Bischöfe von Aleppo: Gregorios Yohanna Ibrahim und Boulos Yazigi. Ihre Entführung war eine Nachricht an den Rest der christlichen Bevölkerung: ‚Ihr seid hier nicht willkommen!‘ Und leider hatten die Terroristen damit Erfolg. Nach der Entführung der Bischöfe haben viele Menschen Aleppo bzw. Syrien verlassen.

Das heißt, es ist jeder von uns ein Ziel für Angriffe, vor allem die Führungspersonen. Auch die Muslime sind solche Ziele. Der Großmufti von Syrien hat seinen Sohn verloren. Der junge Mann war gerade am Weg zur Universität und wurde ermordet. Das sind alles Botschaften an uns. Wenn wir aber der Angst erlauben, die Macht über uns zu ergreifen, werden die Terroristen  siegen.

Haben Sie irgendwelche Kenntnisse davon, was mit den beiden entführten Bischöfen passiert ist?

Wir hoffen und beten alle, dass sie noch am Leben sind, aber wir haben keine konkreten Informationen. Aber wir danken Gott dafür, dass wir auch keine negativen Nachrichten erhalten haben. Wir halten an unserer Hoffnung fest und werden unsere Gebete fortsetzen.

Sie waren schon öfters in Österreich. Wie beurteilen Sie die Situation der Kirche bzw. ihrer Gläubigen vor Ort?

In Österreich gibt es jetzt schon seit einigen Jahrzehnten Mitglieder unserer Tradition. Wir sind hier gut integriert, die Leute sind erfolgreich in ihren individuellen Berufen und auch als Gemeinschaft. Wir haben sehr gute Kontakte in Österreich. Ich persönlich habe auch eine gute Beziehung zu Kardinal Christoph Schönborn, wir haben uns schon öfters getroffen.

Wir haben jetzt drei Gemeinden in Wien. Und ich erwarte, dass diese auch tatkräftig Unterstützung für unsere Gemeinden im Nahen Osten leisten. In diesen Zeiten bedeutet  das sowohl finanzielle Unterstützung, aber etwa auch  Hilfe für Flüchtlinge. Wien hat einige Flüchtlinge aufgenommen, davon ich weiß, und unsere Gemeinschaft und auch die österreichische Gemeinschaft im Allgemeinen haben sich um sie gekümmert.

Sie sind das Oberhaupt einer  Kirche, die über die ganze Welt verbreitet ist. Welche großen Herausforderungen bringt das mit sich?

Es stimmt, die Mitglieder unserer Kirche sind über die ganze Welt verstreuet. Die Migration ist eine sehr große Herausforderung für uns, sie hat schon in den späten 1960er-Jahren begonnen. Es geht um unsere Identität, Kultur und Spiritualität. Unsere Kirche war auf die Migration nicht vorbereitet. Wir hatten keine Strategie und haben immer nur auf Entwicklungen reagiert.

Diejenigen, die in den1960er- und 1970er-Jahren nach Europa ausgewandert sind, konnten sich meist gut integrieren. Nun gibt es aber neue Herausforderungen mit den neuen Flüchtlingen, die oft eine andere Mentalität besitzen. Das macht es für beide Seite manchmal schwierig, gut miteinander auszukommen.

Es ist jedenfalls eine große Herausforderung, den Menschen zu helfen, sich in ihrer neuen Umgebung zu integrieren und weiterzuentwickeln, zugleich aber die eigene Identität, Kultur und Tradition zu behalten. Wir wollen, dass die Menschen die guten Möglichkeiten nützen, die ihnen die westliche Gesellschaft bietet, zugleich sollen sie aber auch das Gute aus ihrer eigenen Kultur behalten.

Die Sprache ist ein sehr wichtiger Punkt: Wir müssen die eigene syrisch-aramäische Sprache pflegen und bewahren; vor allem auch in der Liturgie. Das ist aber oft nicht ganz einfach. Viele Gläubige  aus Syrien oder dem Irak wollen die Liturgie lieber auf Arabisch, und die Gläubigen aus der Türkei hätten lieber Türkisch. Diejenigen, die schon in zweiter Generation in Österreich wohnen, werden vielleicht bald nach einer deutschsprachigen Liturgie fragen. Unser Ziel ist es aber, das Syrisch-Aramäische wieder zu unserer wesentlichen liturgischen Sprache zu machen.

Seit 2015 gibt es ein neues universitäres Institut für syrische Theologie und Sprache in Salzburg. Welche Chancen sind damit verbunden?

Dieses Institut ist noch sehr neu. Wir haben neben syrischen Studenten beispielsweise auch solche aus Ägypten und Indien. Unsere Hoffnung besteht darin, dass dieses Institut junge Männer und Frauen auf Führungspositionen in unserer Kirche vorbereitet. – Männer und Frauen, Lehrerinnen und Lehrer für unsere kirchlichen Schulen in Europa. Besonders im deutschsprachigen Raum.

Vor allem geht es aber auch darum, dass wir wieder mehr junge Priester bekommen. Das ist eine weitere große Herausforderung für uns in Europa. Fast alle unserer Priester sind aus dem Nahen Osten gekommen und viele von ihnen sind in fortgeschrittenem Alter. Bis jetzt haben wir es nicht geschafft, neue Priester auszubilden, die in Europa geboren und aufgewachsen sind.

Ihre Wünsche an die Kirche in Österreich und die österreichische Bevölkerung?

Ich habe gute Kontakte zu Kardinal Schönborn. Er ist ein guter Mensch mit einem guten Herz. Er ist sehr um die Christen und andere leidende Menschen im Nahen Osten besorgt und versucht, durch sein Amt Hilfe zu organisieren. Ich bin sicher, dass die Kirche in Österreich über verschiedene Organisationen wie zum Beispiel die Caritas in die Hilfe für die notleidende Bevölkerung im Nahen Osten involviert ist. Was hier konkret von Österreich kommt ist freilich vor Ort nicht so sichtbar. Die Österreicher sollten jedenfalls eine große Rolle spielen in der Hilfe für Notleidende und Flüchtlinge in Syrien, Christen wie Nicht-Christen.

Die österreichische Bevölkerung sehen wir natürlich als unsere Freunde an. Wir brauchen ihre Gebete und guten Gedanken. Wir sind den Menschen auch sehr dankbar für ihre Gastfreundschaft gegenüber den Flüchtlingen. Aber die Österreicher sollten sich auch darüber bewusst sein, wie unterschiedlich die Ansichten und Einstellungen der Flüchtlinge sind. Viele muslimische Flüchtlinge, die nach Europa kommen, sind  zweifellos friedliebende Gemäßigte, doch eben nicht alle.

Ich will die Menschen in Österreich ermutigen, ihren christlichen Glauben wieder stärker zu entdecken und diesen Glauben auch offen zu zeigen, anstatt sich dafür zu schämen oder Angst davor zu haben. Viele Werte, die von Europäern hochgehalten werden, sind auch christliche Werte; zum Beispiel das Leben in Freiheit, der Respekt vor den anderen, die Liebe zu allen Menschen. Das sind alles Werte, von denen in der Bibel die Rede ist.

 

Das könnte Sie auch interessieren...

ÖSTERREICH: Menschenkette von Moschee zu Kirche

Die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) wollte damit ein Zeichen für das Miteinander der Religionen setzen. Wien …

Unterstützen Sie die Arbeit für verfolgte Christen auf weitere Kanäle: