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Eritrea: „Mein Heimatland ist ein riesiges Gefängnis!“

Interview mit einem christlichen Flüchtling

Mussie G.* stammt aus Asmara, der Hauptstadt seines Heimatlandes. Bis zu seinem 10. Lebensjahr gehörte er der Eritreisch-Orthodoxen Kirche an, wechselte dann mit seinen Eltern zur illegalen Freikirche. Zehn Jahre später wurde seine Mutter wegen aktiver Beteiligung an einer Bibelrunde von der Polizei monatelang ohne Gerichtsurteil inhaftiert. Der Schock saß tief, doch der junge Student war nicht bereit, sich einschüchtern zu lassen und seinen Glauben aufzugeben. Er beschloss zu fliehen. Wie er flüchten und Jahre später über Schlepper schließlich den Weg nach Österreich finden konnte, erzählt er nun CSI. Inzwischen hat er ein Fernstudium abgeschlossen und vor kurzem eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Dennoch muss er, aus Angst vor Repressalien, im folgenden Interview unerkannt bleiben.

Warum haben Sie den Entschluss gefasst, ihre Familie und ihre Heimat für immer zu verlassen?
Die Entscheidung fiel gleich nach der Absolvierung meines 18-monatigen Militärdienstes. Als Studenten fühlten wir uns total eingeengt, wurden bespitzelt und hatten kaum Bewegungsfreiheit: Wir durften nirgendwo offen unsere Meinung sagen – geschweige denn, öffentlich beten. Wir erfuhren, dass viele unschuldige Gläubige, die meiner Kirche angehörten, in Haftanstalten eingesperrt wurden. Im berüchtigten Wi’a Wea-Kerker, südlich der Hafenstadt Massawa, hat man zwei junge Insassinnen nackt zu Tode gefoltert – keine Seltenheit. Viele von uns hatten das beklemmende Gefühl, dass Eritrea ein riesiges Gefängnis ist. Hinzu kam, dass mehrere meiner Freunde trotz Uni-Abschluss nur selten eine adäquate Arbeit fanden. Sie wurden von ihren Chefs ausgebeutet und hatten kaum Chancen auf ein besseres Leben. Das gab dann den letzten Ausschlag, gemeinsam mit zwei Freunden die Flucht Richtung Sudan zu ergreifen…
Waren Sie sich der Gefahren bewusst?
Nein. Erst als das Militär uns in der Nacht entdeckte und auf uns schoss, bekam ich panische Angst. Wir ließen unsere vollgepackten Rucksäcke fallen und rannten im Zickzackkurs so schnell wir konnten davon. Unser Leben war zwar gerettet, doch wir mussten fünf Tage lang mit nur ein paar Datteln und Keksen in der Tasche bis zur sudanesischen Grenze auskommen. Erschöpft und völlig ausgetrocknet brach ich zusammen. Ich bat den lieben Gott, uns nicht sterben zu lassen und legte ein Gelübde ab, eine Stimme für die Stimmlosen zu werden, sollten wir diese extremen Strapazen überleben. Dann geschah ein Wunder: Eine unerwartet kühle Brise ermöglichte es uns, den Weg fortzusetzen, bis wir in der Dämmerung ein Flüchtlingslager des Roten Kreuzes auf sudanesischem Gebiet erreichten.
Wie ging es dann dort weiter?
Anfangs habe ich als Putzhilfe, dann so lange als Englisch-Lehrer gearbeitet, bis ich genug Geld verdient hatte, um mit Hilfe von Schleppern über das Mittelmeer Italien zu erreichen. Schließlich gelangte ich nach Österreich, wurde von der Polizei gefasst und ins Flüchtlingslager Traiskirchen gebracht. Seit einem Jahr habe ich jetzt hier in Wien ein amtliches Bleiberecht. Was ich nun dringend suche, ist eine Arbeit, in der ich meine C1-Deutschkenntnisse verbessern kann.
Würden Sie gerne in Ihr Heimatland zurückkehren, wenn sich die Lage verbesserte?
Ja, freilich, sofort! Ich habe großes Heimweh, meine geliebten Eltern und Geschwister nach Jahren endlich wiederzusehen. Ich bete täglich darum, dass mein Wunsch eines Tages in Erfüllung gehen wird, bevor es zu spät ist…

* Name aus Sicherheitsgründen von der Redaktion geändert

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