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Auf den Spuren des IS-Terrors: Überlebt das Christentum in seiner Urheimat?

(IRAK: Ein Lokalaugenschein von Pia de Simony)

 

Eskortiert von schwer bewaffneten Peschmerga-Soldaten1 verlassen wir im Morgengrauen in dunklen Limousinen die irakisch-kurdische Hauptstadt Erbil. Unser Gastgeber, der chaldäische Patriarch Louis Sako, möchte der 8-köpfigen Österreich-Delegation2 zeigen, welche Verwüstungen die IS-Terrormiliz in den urchristlichen Städtchen der Ninive-Ebene seit deren Besetzung im Sommer 2014 angerichtet hat. „Die irakischen Streitkräfte haben es mit den Peschmergas geschafft, die Islamisten im Oktober letzten Jahres endgültig aus allen Ortschaften zu verjagen“ – erzählt uns der Patriarch während der Fahrt – „Groß war zunächst die Euphorie unter den vertriebenen Christen.

Der christliche Ort Batnaya – vom IS in Schutt und Asche gelegt

Viele von ihnen wollten zurück in ihre Häuser, die sie damals Hals über Kopf verlassen mussten und seitdem gezwungen sind, als Flüchtlinge in engen Containern zu leben. Doch bald folgte die Ernüchterung…“ Was er genau damit meint, erfahren wir, als wir nach mehreren Checkpoints und Straßensperren schließlich die Kleinstadt Batnaya, nur 20 km von der noch heftig umkämpften Millionenmetropole Mosul entfernt, erreichen. Besser gesagt, was von ihr übrigblieb. Ein großer Bombenkrater am Ortseingang lässt Böses erahnen. Gleich dahinter erhebt sich gespenstisch die verstümmelte Silhouette Batnayas: überall zerbombte Häuser, meterhohe Trümmer von eingestürzten Betonmauern, zerborstenen Türrahmen und zersplitterten Fenstern. Als ich mich alleine in einen verbrannten Hinterhof wage, in dem IS-Milizen ihre schmuddeligen Schlafsäcke hinterlassen hatten, werde ich jäh von einem unserer Peschmerga-Begleiter zurückgepfiffen.

Versteck und Fluchtweg der IS-Miliz

Mit einer Handbewegung deutet er unmissverständlich auf die Gefahr von noch nicht überall entschärften Minen hin. Dann führt er mich, ein paar Häuserblöcke weiter, in einen Nebenraum, der vom Feuer verschont geblieben war.

 

Vor meinen Füßen klafft eine acht Meter tiefe Öffnung: Eingang eines fast 20 km langen Tunnelnetzes, das fast bis Mosul reicht. Die IS-Terroristen hatten es ausgegraben, als Schutz vor Bombenangriffen. Aber auch, um unbemerkt die Flucht in die nächsten Ortschaften ergreifen zu können.

„Oh Ihr scheiss Kreuzsklaven!
Wir töten euch alle!“

Inzwischen stößt Mikha Maqdassi, verantwortlicher Bischof für Batnaya, aus dem nahegelegenen christlichen Bergdorf Alqosh zu uns. Es fällt ihm schwer, uns ein zerschossenes Gebäude mit dem roten zerfetzten Sonnenschutz zu zeigen. „Dieser Hort war einmal ein blühender Kindergarten – ein Musterbeispiel für die ganze Region…“ sagt er mit erstickter Stimme. Im Schutt versteckt, entdecke ich einen verrußten Teddybären mit aufgeschlitztem Bauch. Der Anblick lässt mich unwillkürlich zusammenzucken. Erst recht mulmig wird mir, als ich schließlich die Hl. Kyriakos-Kirche betrete, die nunmehr wie ein Schlachtfeld aussieht: geplündert, geschändet, entweiht. Hassparolen gegen Christen sind an die Wände geschmiert, einige davon in fehlerhaftem Deutsch: „Oh Ihr scheiss Kreuzsklaven! wir töten euch alle!

Überall zerschlagene Heiligenstatuen und zerrissene antike Schriften

Ihr habt kein Platz im Islamischen land! Entweder gehst du raus oder wir töten dich…“  In der abgebrannten Kapelle auf der gegenüberliegenden Seite des Innenhofes liegen zerschlagene Heiligenstatuen herum, eine enthauptete Madonnenfigur steht verlassen im Dreck neben Resten von verkohlten antiken Schriften und einem zertrampelten Christus-Gemälde. Ich frage mich, noch ganz benommen von diesen unheimlichen Eindrücken, wie weit Hass und Zerstörungswut noch gehen können? Und wie viele unschuldige Menschen der IS auf dem Gewissen hat?

Die Rückkehr der Christen ist möglich
CSI wird helfen

Bischof Maqdassi: „Das war einmal ein blühender Kindergarten…“

Nach der Geisterstadt Batnaya führt uns Patriarch Sako in das weniger zerstörte christliche Nachbardorf Teleskuf.  Der IS hatte zwar im Mai des vergangenen Jahres dieses Frontgebiet zunächst mit dem Einsatz von mehreren Selbstmordkommandos besetzt. Doch kurdische Truppen konnten bereits einige Tage später mit Hilfe von US-Luftangriffen die Fundamentalisten erfolgreich in die Flucht schlagen. Dank dieser Tatsache seien hier „nur 66 Häuser zerstört, 43 abgebrannt und 800 Wohnungen geplündert worden“ erläutert der chaldäische Oberhirte, der das Ausmaß der Schäden von jeder christlichen Ortschaft der Umgebung hat überprüfen lassen. Bei dieser Gelegenheit stellt er uns Salar vor, den jungen Pfarrer des Ortes.

Der Teddybär mit aufgeschlitztem Bauch

Erst während der anschließenden Messe in der wiederhergestellten Pfarrkirche wird offiziell bekanntgegeben, dass dieser resolute junge Geistliche demnächst in die Ortschaft einziehen wird, um den ersten 45 heimkehrenden Familien beim mühsamen Wiederaufbau zu unterstützen. CSI-Österreich wird helfen, die Schule wieder benutzbar zu machen. Rund 1.000 frühere Bewohner sowie Christen aus den umliegenden Dörfern füllen bis zum letzten Platz die Kirchenbänke. Die Leidgeprüften nehmen aufmerksam die Worte ihres Patriarchen wahr: „Heute sind hier österreichische Freunde unter uns. Sie geben uns Hoffnung, in unsere Häuser zurückzukehren. Die Christen im Westen lassen Euch nicht im Stich. Das soll uns allen Mut machen, an eine Zukunft in unserem Land zu glauben! Und, vergesst nicht: Das Ninive-Tal gehört den Christen seit über 2.000 Jahren – Es ist unsere Erde!“

Das Christentum leuchtet bis nach Mosul

Nach dem Gottesdienst strömen die noch sichtlich bewegten Gläubigen hinauf zu einem Hügel. Inzwischen ist es Nacht und kalt geworden. Hoch oben thront ein riesiges Metallkreuz, das hell leuchtend bis nach Mosul strahlt. Patriarch Sako hat das Kreuz gesegnet, begleitet vom Beifallssturm aller Anwesenden. Ein mutiges Signal ihrer Entschlossenheit, sich nicht unterkriegen zu lassen und – allen Widerständen zum Trotz – einen Neubeginn zu wagen.

Licht der Hoffnung?

1 Peschmerga heißt, wörtlich übersetzt: „Die dem Tod ins Auge Sehenden“.
2 bestehend u.a. aus dem Linzer Bischof M. Scheuer, P. de Simony als Vertreterin von CSI-Österreich, dem Vorsitzenden der ICO, Dechant S. Dadas sowie dem Präsidenten der Wiener Stiftung Pro Oriente, J. Marte.

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